Wettkampfberichte

Zurück auf dem Trail: Zwischen Flow und Frust – Tag 2 auf dem Fishermen’s Trail

Tag 1: 80 km gegen Sturm und Zweifel – Tag 1 auf dem Fishermen’s Trail

Tag 3:

Bis der kleine Markt im Ort öffnet, sind es noch zweieinhalb Stunden. Ich liege im Bett, im Hintergrund läuft eine belanglose Dokumentation. Auf das Tütenporridge habe ich keinen Appetit und will mir ein anständiges Frühstück machen. Eine Busverbindung nach Vila do Bispo gibt es nicht. Dort ist mein nächstes Hotel und so wie alle Unterkünfte entlang der Route nicht mehr stornierbar. Ich muss also heute irgendwie dorthin kommen. Von Aljezur aus gibt es zwei Verbindungen, eine um 11:20 Uhr eine 45 Minuten später.

Wie es der Zufall will, ist Aljezur der nächste Etappenort auf dem Fishermen’s Trail. Noch ist der Gedanke nicht richtig ausgereift, traut sich noch nicht aufzustehen und nach vorne zu treten. Dann geht alles ganz schnell. Ich springe aus dem Bett auf, fülle einen Topf mit Wasser und koche mir die restlichen Nudeln aus meinem Koffer zum Frühstück. Nebenbei räume ich alles in den Koffer, was ich auf dem Trail nicht brauche, quasi alles. Für die 20 km lange Etappe brauche ich nicht viel, schmeiße nur das Nötigste in den Rucksack. Der Rest wird mit dem Gepäcktransfer ins nächste Hotel chauffiert. Dass ich auch auf Getränke pfeife, wird sich noch als Problem erweisen.

Zurück auf dem Fishermen’s Trail

Noch vor 8 Uhr bin auch dem Trail. Der Asphalt ist dunkelgrau von Nässe, aber zwischen den lockeren Wolken blitzt Azur hervor, der Sonnenaufgang lässt sich erahnen. Es ist ein herrlicher Morgen. Die kühle Luft ist angenehm auf meinem Gesicht. Beim Aufstehen fühlte ich mich verkatert, aber sobald ich in Bewegung bin, verfliegt das Gefühl. Meine Muskulatur ist erstaunlich gut erholt. So gut, dass ich probehalber laufe, obwohl dazu eigentlich kein Anlass besteht. Selbst zügig gehend sollte ich den Bus erreichen.

Die Bewegung fühlt sich so gut an, dass ich das Laufen nur für Fotos unterbreche und als es in Richtung Seixe-Mündung über einen ansehnlichen Anstieg geht. Der Anblick der Flussmündung in den Atlantik ist den Aufstieg allemal wert. Ich muss aufpassen, vor lauter Fotopausen nicht doch noch den Bus zu vertrödeln. An meiner körperlichen Verfassung wird es nicht scheitern, stellt sich auf den nächsten Kilometern entlang der Klippen heraus. Das Meer ist heute weniger wütend und einfach nur atemberauend von hier oben anzusehen.

Was passiert, ist mir unerklärlich. Der Körper ist ein Wunder, stelle ich konsterniert fest. Im Gefühl der Euphorie verfliegen die Kilometer und ich lasse mich sogar auf einen geheimen Wettlauf mit einem anderen Läufer ein, der hier oben offenbar seine Morgenrunde dreht. Natürlich habe ich keine Chance mit 80 km Vorbelastung, aber ich bin wirklich schnell unterwegs. Erstmals überhaupt habe ich den Eindruck Trailläufer zu sein.

Endlich Trailläufer

Ein einmaliges Schauspiel

Auf einer Felsnase entdecke ich sie dann endlich! Störche haben ihre Nester direkt in die Klippen gebaut. Das ist nur von dieser Küste bekannt und ich hätte sie auch bei meinem Lauf hier verpasst, wenn ich nicht doch die Laufschuhe geschnürt hätte. Es war eine gute Entscheidung. Als der Weg in südöstlicher Richtung ins Landesinnere abknickt, bin ich schon 10 km gelaufen.

Die nächsten fünf Kilometer nach Rogil sind einfach. Die Feldwege sind eine schöne Abwechslung von der Küste mit seiner flachen Vegetation und überwiegend gut zu laufen. Sie kosten weniger Kraft als die sandigen Trails auf den Klippen und verlangen viel weniger Konzentration. Die Kulturlandschaft wird gesäumt von kleinen Eichen- und Eukalyptuswäldern.

Der Ort (Rogil) ist eine gute Gelegenheit meinem bis hierhin größten Problem vorzubeugen. Ich stoppe an einem Spar, nehme zwei Getränkedosen aus dem Kühlschrank, packe ein Twix ein und beende den Boxenstopp. Nicht zu viel Zeit verplempern. Ich bin auf einer Welle von Euphorie unterwegs, feiere, dass ich für die 15 km keine zwei Stunden gebraucht habe.

Die Feier fällt feuchtfröhlich aus. Die Coladose scheppert auf den Asphalt und versprüht einen klebrigen Nebel. Das bringt zwar die Reihenfolge durcheinander, in der ich die Dosen normalerweise leere, aber natürlich presse ich notgedrungen den Mund fest auf den Zuckergeysir. Bewusst nehme ich mir Zeit, um auch die zweite Dose zu leeren und den Schokoriegel zu verzehren. Jetzt bloß nicht so tun, als könne ich einfach so weiterlaufen, ohne nachzufüllen.

Let’s run forever!

Außerhalb von Rogil ist der Fishermen’s Trail ein breiter Forstweg, der auch fahrradtauglich ist. Schnurgerade verläuft er zwischen ausgedehnten Wiesen und kleinen Waldstücken. Große Säulen zeigen in unregelmäßigen Abständen die Entfernung zum Strand. Nach einer angemessenen Gehpause, beginne ich wieder mit dem Laufen. Wie schnell ich vorwärtskomme, kann ich gut an der schrumpfenden Entfernung auf den Säulen ablesen, trage dafür aber natürlich auch einen sündhaft teuren Laufcomputer am Handgelenk. 5:46 für Kilometer 18, 5:58 für Kilometer 19. Was auch immer passiert, ich will es nicht unterbrechen.

Natürlich nehme ich mir auch Auszeiten, aber schon jetzt steht komplett außer Frage, ob ich den Bus rechtzeitig erwischen werde. Im Gegenteil drängt sich schon ein ganz anderer Gedanke in den Vordergrund. Warum sollte ich in Aljezur anhalten, wenn es doch so gut läuft? Das Gepäck wäre ohnehin erst ab 16 Uhr im Hotel und vorher käme ich gar nicht aufs Zimmer. Kann ich doch auch das weitermachen, wofür ich hier bin, oder? Genau so ist es! Let’s run!

Ausgerechnet auf einem extrem abschüssigen Streckenabschnitt kurz vor Aljezur werde ich unfreiwillig gestoppt. Hinter einer baufälligen Mauer befinden sich noch ramponiertere Hundezwinger. Diesseits der Mauer hält sich ein freilaufender Hund auf, der entweder entkommen ist oder seinen Knasti-Freunden einen Besuch abstattet. Unentschlossen taxieren wir uns, bis ich den Hängezustand beende, indem ich mich energisch auf den Hund zubewege. „Verpiss dich!“, schreie ich ihm meine klare Botschaft unmissverständlich entgegen. Verängstigt bringt er einen Sicherheitsabstand zwischen uns. Als er sich prüfend umblickt, setze ich ihm nach und brülle ihn noch einmal an. Das genügt, der Hund ist in die Flucht geschlagen – die größte Prüfung der Etappe ist geschafft.

Azulejo-Fliese in Aljezur

Das Problem mit dem Durst

Startpunkt der Etappen von und nach Aljezur ist der Busbahnhof. Der Abstecher dorthin ist nur dann sinnvoll, wenn man seine Etappe in diesem Ort beendet, weil er abseits der Route liegt. Will man – so wie ich – Odeçeixe nach Arrifana (oder umgekehrt), kann man sich den Abstecher von insgesamt einem Kilometer klemmen. Seit gestern ist mein Lauf ohnehin kein valider FKT-Versucht mehr und so erspare ich mir den unnötigen Abstecher in die Neustadt, die links des Flusses Ribeira de Aljezur liegt. Auf meiner Seite des Flusses schmiegen sich die weißen Häuser der Altstadt an die Flanke eines Hügels. Ein Gewirr an Gassen durchzieht den verschachtelten Ort, der nahezu still und verlassen ist.

Ich überquere den Hügel und verlasse Aljezur. Abermals verändert sich die Landschaft, durch die ich mich bewege. Bewaldete Hügel umgeben mich, dazwischen windet sich der Ribeira de Aljezur träge zum Meer. Das Terrain lässt sich weitaus weniger einfach laufen, hat zu viele Höhenmeter, wirkt aber geradezu tropisch.

Gemächlich spaziere ich direkt durch ein Resort, das mitten in diese friedliche Abgeschiedenheit gebaut wurde, bis ich auf die Straße nach Espartal gelange und kurzerhand den Läufer in mir aus dem Stand-by-Modus erwecke. Auf der asphaltierten Straße komme ich gut vorwärts, reduziere die Entfernung nach Espartal schnell, spüre aber langsam meine Kräfte schwinden. Die Beine müde, der Mund trocken. Und von einem Geschäft ist nach wie vor weit und breit keine Spur. Der Verzicht auf den Abstecher zum Busbahnhof in Aljezur könnte mich jetzt teuer zu stehen kommen. Wenn ich in Espartal keine Getränke kaufen kann, habe ich ein Problem.

Meine Chancen stehen schlecht. Bei der Recherche im Vorfeld des Laufes habe ich hier kein Geschäft ausfindig machen können. Meine Hoffnung beruht nur darauf, dass Google Maps nicht alles weiß. Der Fishermen’s Trail streift den Ort nur am Rand, er wirkt auf mich leblos. Reizlose Neubauten reihen sich aneinander, ohne dass man jemanden sehen oder hören würde. Nur ein alter Mann schlurft mit seinem Hund durch die Straße. Es ist trotlos, Espartal hat den Charme einer modernen Geisterstadt. Der Eindruck des Ortes ist nicht dazu angetan, mir Hoffnung auf ein geöffnetes Geschäft zu machen. Ich verzichte auf die Erkundungstour und verlasse ihn auf direktem Weg gen Meer.

Ich verstehe mich selbst nicht

Der Panoramablick auf den Atlantik lässt mich die Betonwüste schnell vergessen. Nach Stunden ohne Blick auf den Atlantik bin ich über einen Trampelpfad zurück ans Meer gelangt. Das kleine Restaurant am Ende der Straße will ich trotz meines Notstandes in Sachen Vorräte nicht ansteuern, weil ich darauf hoffe, im nächsten Örtchen einen richtigen Mini Mercado zu finden. Monte Clerigos wenige Häuser kann ich bereits in der Ferne erkennen, sie krallen sich an eine Klippe am südlichen Ende eines weit geschwungenen Sandstrandes. Der Himmel ist auch jetzt wolkenverhangen, aber das Wetter doch so gut, dass sich einige Wagemutige in die Wellen schmeißen. Ein Bild wie aus einem Reisejournal.

Wieder habe ich kein Glück. Das einzige offen aussehende Restaurant hat noch eine Stunde geschlossen. „Open at 12:30“ steht unmissverständlich am Eingang, obwohl ganz sichtlich die Vorbereitungen für das Tagesgeschäft laufen. Vielleicht sollte ich einfach trotzdem reingehen? Noch bevor ich das durchdacht habe, tragen mich meine Beine weiter. Wird schon irgendwie auch so gehen. Im Nachhinein begreife ich mich manchmal selbst nicht.

Oberhalb von Monte Clerigo bekomme ich die Quittung. Die Mittagssonne verschlimmert meinen Durst massiv. Nüchtern betrachtet, bin ich vor fünf Stunden aufgebrochen und habe seitdem nur die beiden Getränkedosen in Rogil geleert. Das ist selbst für meine Verhältnisse schlecht. Einige Ausflügler sind hier oben mit dem Auto unterwegs und ich wälze die Idee, nach Wasser zu fragen.

Einmal alles, bitte!

Dann fällt mir ein, dass ich noch eine angebrochene Tüte mit Cola-Krachern im Rucksack habe. Das ist das Ding! Nach und nach futtere ich mich durch die Tüte, die Säure lindert sogar meinen Durst. Er ist nicht weg, aber wieder auf ein Maß geschrumpft, mit dem ich klarkomme. Ich werfe ein Duplo hinterher und nehme nun die letzten vier Kilometer nach Arrifana ins Visier. Wie dicht ich dabei an einer richtigen Stadt vorbeikomme, ist mir nicht bewusst. Zwar sehe ich Häuser und wähne mich schon in Arrifana, bin dann aber verwundert, dass mich der Trail wieder weg von den Häusern führt. Ich nehme an, es handele sich um ein paar versprengte Ferienhäuser in den Dünen, faktisch handelt es sich um Vale da Telha.

Mittagspause in Arrifana
Mittagspause in Arrifana

Arrifana selbst ist wesentlich kleiner, hat aber mindestens ein Restaurant. Das genügt mir. Ich setze mich an einen der freien Tische auf der Terrasse, ich muss trinken. Und dringend auch essen. Limonade, alkoholfreies Bier, Wasser, Suppe, Ziegenkäsetoast, Kaffee. 45 Minuten lang lasse ich es mir gutgehen und genieße die Pause in vollen Zügen. Ich tausche mich mit zuhause aus, da ist die Situation weiterhin angespannt. Wenigstens führt mein Lieblingsverein. Es ist eine kurze Pause vom Laufen, eine Rückkehr in den Alltag.

Kurz nach 14 Uhr bin ich wieder unterwegs, Ziel Carrapateira. Ich bin zuversichtlich, die 20 km bis zur Dunkelheit hinter mich zu bringen. Das sollte ich auch für den unwahrscheinlichen Fall schaffen, dass ich jeden einzelnen Kilometer werde gehen müssen. Ankommen werde ich dennoch nie.

Vier Bonuskilometer

Die Schwierigkeiten beginnen am Praia do Canal. Schon auf dem Weg hinab zum Strand kommt mir ein Wanderer entgegen und warnt mich, dass der Fluss dort unten nicht passierbar sei. „Fuck!“, sage ich und noch einmal „Fuck!“. Im Kopf spiele ich bereits Alternativen durch. Da war ein Abzweig ungefähr eine Viertelstunde hinter mir. Ob das wirklich eine alternative Route wäre, müsste ich erst noch in Erfahrung bringen, habe aber ohnehin wenig Lust umzukehren. Unnütze Kilometer sind gefühlt doppelt so lang und um ein vielfaches schwerer zu laufen.

Der Leidensgenosse hat mir eine Hintertür offen gelassen. Weil ich wesentlich fitter und weniger beladen sei als er, könne ich es vielleicht auf eine der Inseln und von dort auf die andere Seite schaffen. So nämlich! Ich nehme den Fluss selbst in Augenschein, verwerfe die Überquerung an der Furt aber fast sofort und suche nach den besagten Inseln. Es sind Grassoden, die aus dem Wasser ragen, aber selbst die sind so weit im Fluss, dass ich schon viel Vertrauen in meine Weitsprungfähigkeiten bräuchte, um einen Sprung zu wagen. Auf die Inselchen zu kommen, wäre sowieso nur die halbe Miete. Wie ich von dort auf das sichere Ufer käme, ist mir auch noch nicht klar.

Das bringt nichts! Wäre ich direkt umgekehrt hätte ich mir einen weiteren Kilometer sparen können. Vier Kilometer sammle ich durch das vor und zurück, ohne meinem Etappenziel auch nur einen Schritt näher zu kommen. Zu hoffen, dass der neu eingeschlagene Weg kürzer ist, brauche ich wohl nicht. Entmutigen lasse ich mich trotzdem nicht und bleibe einfach in Bewegung. Vom Wanderer, der mich gewarnt hat, keine Spur. Ob er sich auf den gleichen Alternativweg gemacht hat? Viele Möglichkeiten gibt es ja wahrlich nicht und so wie dieser Weg angelegt ist, bleibt kein Raum für Irrtum.

Öder Abstecher ins Hinterland

Durch Felder führt ein Wirtschaftsweg aus roter, verdichteter Erde. Markant sind nur die Pfosten, an denen ich das nächstgelegene Ziel und die Distanz dorthin ablesen kann. Leider lautet das nicht Carrapateira sondern Aljezur. Dahin will ich nicht zurück und deswegen schlage ich an einer Kreuzung den einzigen anderen Weg ein. Das ist die richtige Wahl, die Pfosten weisen nach Monte Novo.

Der Weg durch dorthin ist öde. Schon aus reiner Langeweile beginne ich die langen Wirtschaftswege zu laufen, erst nur kleine Strecken, die ich dann immer weiter ausdehne. Regen hat eingesetzt und drückt die Stimmung zusätzlich. Jede Abwechslung von der Monotonie ist willkommen. Da trifft es sich gut, dass ich den Wanderer einhole, der mich vorhin vor dem Fluss gewarnt hat. Auch er ist den gleichen Umweg gegangen. Gut zu wissen. Was das angeht, bin ich beruhigt und setzte beschwingt meinen Weg fort.

Noch etwas gibt mir Auftrieb. Ich müsste bald da sein. Zumindest habe ich mir das zurecht gerechnet. Noch etwas mehr als 80 km bis Lagos auf der Uhr, 62 km davon sind für morgen geplant (oder waren es mehr?). Die letzte für heute geplante Etappe hat eine Länge von 15 km. Viel Spielraum bleibt da eigentlich nicht. Guter Dinge, habe ich schon halb beschlossen, auch noch die letzte Etappe zu starten, aber irgendwas passt ganz und gar nicht in der Rechnung.

Ein unendlicher Strand

Das wird mir schonungslos klar, als ich in Monte Novo ankomme. Ab hier zeigen die Wegweiser erstmals wieder Carrapateira an und was ich da lese, gefällt mir gar nicht. Die Distanz ist immer noch im niedrigen zweistelligen Bereich. Ich weigere mich das zu glauben und kann es nicht erklären (auch im Nachhinein nicht). Auf der Toilette eines Restaurants trinke ich zwei Schlucke Wasser, aber es ist zu chlorhaltig. Hineinzugehen und nach Wasser zu fragen, darauf habe ich keine Lust, obwohl ein Schild über dem Waschbecken genau das nahelegt. Plötzlich überkommt mich Schwäche, verfliegt wieder. Bevor sie wiederkehrt, gehe ich schnell wieder los.

Es geht langsam schon auf 17 Uhr zu, als ich endlich wieder an der Küste bin. Der Blick aufs Meer ist nach der Monotonie des Umweges grandios. Die Brandung ist wild, Wind hat eingesetzt, der Himmel spannt sich schiefergrau über dem Ozean. Trotz des Regens ist es ein erhebendes Gefühl hier zu sein, belebend und ein Privileg. Die tosende See ist mir das erste Foto seit meiner Pause in Arrifana wert.

Der Regen ist zurück und das Meer bei Carrpateira aufgewühlt

Das nächste Naturwunder lässt nicht lange auf sich warten. Der Praia da Bordeira ist locker einen Kilometer breit und dabei kein dünner Sandstreifen. Der Sand reicht mehrere hundert Meter ins Landesinnere. Es ist ein Strand mit enormen Ausmaßen, den ich in diesem Wetter für mich alleine habe. Ich bin weit und breit die einzige Person hier draußen. Die Route führt direkt über den Sand. Anstrengend mit mehr als 60 km in den Beinen.

Praia da Bordeira – Ein endloser Sandstrand

Zermürbende Suche nach einer Furt

Je näher ich dem südwestlichen Ende des Strandes komme, desto beunruhigter werde ich. Ich kann einen breiten Fluss erkennen, den ich bei der Strömung auf keinen Fall durchqueren kann, will ich nicht im aufgewühlten Meer das definitive Ende der Unternehmung erleben. Von einer Brücke keine Spur, natürlich nicht. Wozu auch? Wenn die meiste Zeit des Jahres Trockenheit herrscht und der kleine Wasserlauf allenfalls zum Abkühlen der Füße taugt.

Mithilfe von Google Maps suche ich nach einem Ausweg. Das ist gar nicht so einfach, weil Carrapateira auf der anderen Seite des Flusses liegt. Ich muss da rüber, irgendwo und irgendwie. Zuerst folge ich dem Flusslauf stromaufwärts nach Süden, finde aber keinen Weg hinüber. Direkt auf der anderen Seite liegt die kleine Stadt. Auf einer Straße kann ich Autos fahren sehen. Es ist frustrierend. Weil der Fluss hier südwestlich strömt, gehe ich nach Nordost. So lange, bis ich den kompletten Strand wieder zurück gewandert bin. Noch immer gibt es keinen Ausweg.

Meine Frustration steigt ins Unermessliche und ich mache mir Luft, schreie in den Wind, suche dann weiter. Es ist die reinste Geduldsprobe. Weil ich keinem Weg folge, sondern mir einen Pfad durch die Dünen suche, brauche ich ewig. Jeder neuerliche Versuch, einen Überweg zu finden, scheitert. Mir bleibt nichts als dem Fluss weiter zu folgen. Über eine Stunde irre ich durch die Flussaue und verfluche noch mehrmals das verdammte Wetter. Wirklich zermürbend ist die Ungewissheit.

Ausharren im Wind

Meine Uhr hat sich derweil schon verabschiedet, ihr Akku ist platt. Meiner eigentlich auch, aber ich finde nur aus dieser Situation, wenn ich in Bewegung bleibe. Das ist auch gegen die Kälte das einzig probate Mittel. Schließlich komme ich an eine kleine Brücke, überspült vom Hochwasser, aber nasse Füße habe ich sowieso schon. Über Steine balancierend, versuche ich so wenig ins Wasser zu tapsen wie möglich, dann bin ich endlich über den Fluss. Das hat richtig Körner gekostet.

18:30 Uhr ist es fast auf die Minute und ich beeile mich ein Uber zu bekommen. 19 Minuten – das ist ok, aber grenzwertig. Ich schlottere im schneidenden Wind. Um nicht komplett auszukühlen gehe ich ein Stück zurück, dann wieder zur Straße. Wie lange noch? Immer noch 19 Minuten. Ich nehme Kontakt zum Fahrer auf. Der schrieb vorhin, er sei gerade zuhause. Was wollte er mir damit sagen? Jetzt frage ich nach: „Bist du schon losgefahren?“ Er vertröstet mich. So geht das eine ganze Weile, in der ich irgendwann sogar auf der Stelle sprinte. Muskulär scheint es noch zu gehen. Aber der Wind killt mich. Zu einer Kugel zusammengekauert, trotze ich dem Wind.

Es sind quälende Minuten, die ich wartend in der Dunkelheit verbringe. Ungeduldig verfolge ich das kleine Auto auf der Karte, kann es kaum erwarten. Das Ausharren ist schlimmer als die 67 km zuvor, sie gehen richtig an die Substanz. Dann endlich taucht der weiße Tesla auf. Unbeholfen falte ich mit tauben Fingern meine Stöcke zusammen und habe trotz meines Zustands ein schlechtes Gewissen, mich kladdernass in die teure Karre zu setzen. Andererseits ist das der falsche Zeitpunkt für Zimperlichkeit.

Ende mit Hintertür

Er habe gerade eine Dusche genommen, entschuldigt sich der Fahrer. Natürlich, was auch sonst. Ich bin wahrscheinlich leicht unterkühlt und der Kollege hat sich noch gemütlich den Bauch eingeseift. Er ist selbst etwas zerknirscht deswegen, erkennt, dass ich echt gelitten habe. Fairerweise lässt er mich direkt am Hotel aussteigen, das hatte ich bei der Buchung nicht angegeben und ich brauche nur ein paar Schritte ins Hotel zu wanken. Mit Ach und Krach bringe ich den Anmeldprozess hinter mich und schleppe mich ins Hotelzimmer.

Es ist eine glückliche Fügung, dass es im Erdgeschoss ist und eine Minibar hat. Ich kann es kaum erwarten, mir eine Cola aufzumachen, kämpfe aber schon nach dem ersten Schluck mit Übelkeit und stürze ins Badezimmer. Falscher Alarm! Trotzdem ziehe ich die Dusche vor, ehe ich mehr trinke. Es ist wichtig warm zu werden. Eine heiße Dusche später lasse ich mich ins Bett fallen. Ich bin vollends K.O., das war hart. Weil ich fürchte einzuschlafen, stelle ich mir den Wecker auf 20:30 Uhr. Das ist in 15 Minuten. Dann muss ich los, um was Essbares aufzutun, auch wenn mir eigentlich gar nicht danach ist.

Tatsächlich penne ich weg, brauche dann noch weitere 15 Minuten, um mich anzuziehen. Mehr als Salat und Käsetoast gibt es für mich nicht auf der Karte. Aber ich bin schon zufrieden, wenn ich überhaupt was essen kann. Weil es kein alkoholfreies Bier gibt, nehme ich ein echtes. Das Essen ist allenfalls akzeptabel, der Salat geradezu lächerlich. Aber ich bekomme es runter und es bleibt dort. 1:0 für mich. Sogar das Bier geht.

Obwohl ich überzeugt bin, dass ich morgen nicht weitermache und das auch offen kommuniziere, versuche ich meine Klamotten irgendwie zu trocknen. Eine kleine Hintertür habe ich mir gelassen und will vorbereitet sein. Gerade die Schuhe sind ein Problem. Mithilfe des Föns versuche ich wenigstens der Feuchtigkeit entgegen zu wirken. Nach einem zweiten Bier aus der Minibar ist leicht angeduselt dann Zapfenstreich, für heute war es das. Egal, morgen wird sowieso nicht gelaufen. Es war toll, heute noch einmal so weit gekommen zu sein, aber das Ende hat mir den Stecker gezogen.

Tag 1: 80 km gegen Sturm und Zweifel – Tag 1 auf dem Fishermen’s Trail

Tag 3: Das Abenteuer meines Lebens – Tag 3 auf dem Fishermen’s Trail

2 Comments on “Zurück auf dem Trail: Zwischen Flow und Frust – Tag 2 auf dem Fishermen’s Trail

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert