Das Frühstück im Hotel wird erst ab 08:30 Uhr aufgetischt. Wäre die FKT auf dem Fishermen’s Trail noch ein Thema, würde ich es ausfallen lassen, um früher loszukommen. Mit der halben Etappe am ersten Tag und der letzten Etappe gestern bin ich zwei Abschnitte nicht gelaufen, kann meine Gesamtzeit also nicht einreichen. Das ist schon seit dem ersten Abend klar. Das ist inzwischen aber auch gar nicht mehr wichtig. Über Nacht habe ich mich so weit regeneriert, dass ich wieder zuversichtlich in den Tag blicke. Wenigstens bis zum Cabo Sao Vicente möchte ich laufen. Und wenn ich es bis dahin schaffe, dann auch noch die wenigen Kilometer bis nach Sagres.
Es ist erstaunlich, dass ich überhaupt wieder ans Laufen denken kann. Mein Zustand gestern Abend war bedenklich, gerade wegen der Eskapade kurz vor Carrapateira. Hätte ich den regulären Weg nehmen können, wer weiß, vielleicht hätte ich die Schlussetappe von dort nach Vila do Bispo auch noch drangehängt. Ich bin mir dessen sogar ziemlich sicher. In der Stunde, in der ich einen Ausweg aus dem Überschwemmungsgebiet gesucht hatte, hätte ich schon den halben Weg nach Vila do Bispo hinter mich bringen können.
Schon lange vor dem Frühstück bin ich wach und warte ungeduldig. Das Essen am Abend hat bei weitem nicht ausgereicht, um meinen enormen Kalorienverlust zu kompensieren. Mein Hunger ist groß. Nach dem Packen kümmere ich mich um meine Schuhe. Bereits am Abend hatte ich begonnen, sie behelfsmäßig mit dem Fön zu trocknen. Die Laufsachen sind über Nacht halbwegs getrocknet, aber die Schuhe sind immer noch feucht. Ich habe nur zwei Paar dabei und will nicht direkt mit nassen Füßen loslaufen.
Bemerkenswert ist, dass meine Füße trotz der Nässe und des Sandes noch immer passabel aussehen. Gestern hatten meine Gamaschen fast keinen Sand durchgelassen, aber am ersten Tag hatte ich einen halben Sandkasten in den Schuhen. Heute – so hoffe ich – wird der Sandanteil gering werden, weshalb ich die Gamaschen in den Koffer schmeiße.
ALDI als VP
Es regnet – mal wieder. Ohne große Überzeugung mache ich die ersten Schritte, als gaukle ich mir selbst etwas vor, um mich davon zu überzeugen, dass ich laufen kann. Sie fühlen sich schwer und schleppend an. Glücklicherweise geht es zunächst bergab, dann führt mein Weg unmittelbar an einem ALDI vorbei. Das hatte ich einkalkuliert als Gelegenheit, mich frühzeitig mit Vorräten zu versorgen. Auch heute habe ich alles im Koffer gelassen, was ich eigentlich als Verpflegung mitgenommen hatte.
Beim Frühstück hatte ich so viel gegessen wie ich es meinem Magen hatte zumuten wollen. Nichts ist schlimmer als mit einem zu vollen Bauch zu starten. Es als üppig zu bezeichnen, wäre eine Übertreibung gewesen, doch gab es alles, was ich brauchte. Brot, Butter, Käse, etwas Obst und Rührei – davon aber viel zu wenig. Dafür Kaffee und Getränke so viel ich wollte. Das kam mir sehr entgegen, ich fühlte mich ausgedörrt. Nicht nur das Essen ist in den letzten beiden Tagen zu kurz gekommen, ganz offenbar trinke ich auch nicht ausreichend.
Um nicht den Fehler von gestern zu wiederholen, decke ich mich im Discounter nun gründlich ein. Wasser, Smoothie, Wraps – wieder lasse ich mich durch meinen Magen steuern. Der Haken ist: Ich plane kurzfristig, bin noch immer davon überzeugt, dass ich es allenfalls nach Sagres schaffen werde. Wieviel Proviant werde ich da schon brauchen?
Spinnereien im Nebel
Jenseits der Stadtgrenze führt der Weg zur Küste durch Kulturlandschaften. Links und rechts sind brusthohe Zäune, dahinter ist die Welt hinter einem Schleier aus Nebel verborgen. Von dem, was ich sehe, schließe ich: Viel gäbe es hier ohnehin nicht zu sehen, die Landschaft wirkt karg und baumlos, es sind ausgedehnte Wiesen. Die Zäune, die sich in der Ferne im Nebel auflösen haben allerdings was von Unendlichkeit, sind Sinnbild einer nicht festgelegten Zukunft. Die mystische Stimmung des Nebels wirkt sich offenbar auch auf mein Denken aus. Ein vernebeltes Hirn habe ich sowieso und sehe aus. Dazu sehe ich aus, als hätte ich hart gefeiert gestern Nacht, habe ich im Hotelspiegel feststellen müssen. Der Lauf hinterlässt Spuren.
Bevor ich mich endgültig in philosophischen Gedanken verliere, hole die Drohne heraus. Heute ist ihr Akku nicht leer und ausnahmsweise weht auch kein nennenswerter Wind. Ich stelle das Fluggerät in den „Follow-me“-Modus und warte, dass sie die Verfolgung aufnimmt. Langsam trotte ich los, doch die Drohne verharrt planlos. Wird mich nicht erkannt haben. Zweiter Versuch, gleiches Ergebnis. An meinem Tempo kann es nicht liegen, ich jogge locker. Der Nebel scheint für die Objekterkennung der Drohne ein echtes Hindernis zu sein. Oder sie hat endgültig einen Schaden erlitten.
Noch immer betrachte ich es als Wunder, dass sie nach einer unfreiwilligen Wasserlandung im letzten Urlaub einfach weiter funktioniert. Möglich, dass die Ziplock-Beutel sie in den letzten zwei Tagen doch nicht so trocken gehalten haben wie ich dachte. Probehalber verwende ich einen anderen Modus. Mein Gesicht scheint sie zu erkennen, fliegt artig vor mir her. Ok, Szene im Kasten, weiter geht’s. Der Weg ist noch weit.
Der Körper ist ein Wunder
Rund 60 km stehen heute auf dem Plan. Das ist die kürzeste Tagesdistanz bisher, aber es ist eben auch mein dritter Tag in Folge und ich kann nicht behaupten, dass ich meine körpereigenen Akkus gut aufgeladen hätte. Mich erstaunt selbst am meisten, dass ich die Motivation gefunden habe, auch diesen dritten Tag in Angriff zu nehmen. Nach der Spielerei mit der Drohne habe ich den Drang zu laufen. Wenigstens ein bisschen. Der Weg ist einladend flach und gut befestigt.
Die ersten Schritte sind hölzern, ich fühle ich steif und muss erst warm werden. Schritt für Schritt fühle ich mich besser und verfalle schließlich in ein Tempo, mit dem ich mich gut arrangieren kann. Mir helfen – wie am Vortag – die Säulen mit den Entfernungsangaben, die hier ebenfalls den Weg säumen. Sie machen das Vorankommen greifbarer und sind in so kurzen Abständen platziert, dass es psychologisch hilfreich ist. Die Wegweiser zeigen die Distanz zum Cabo Sao Vicente und die ist eben viel geringer als die Restdistanz nach Lagos auf meiner Uhr. Aus einem Kilometer werden zwei, dann drei. Was passiert hier? Es ist der gleiche Effekt wie am Vortag. Jeder zurückgelegte Kilometer bestärkt meinen Glauben an mich selbst.
Nach einer knappen Stunde bin ich zurück am Meer. Der Himmel ist grau, aber die Brandung nicht so wild wie am Samstag. Die schroffen Klippen sind hier teilweise 70 m hoch und gewähren schwindelerregende Ausblicke auf den Atlantik. Der Trail führt nach Südwesten, so nah an der Klippenkante, wie es eben noch vertretbar ist. So einfach wie auf den Feldwegen ist das Laufen hier nicht mehr, aber umso außergewöhnlicher ist es, sich auf dem schmalen Pfad hoch über dem Meer fortzubewegen. Der Nebel verstärkt das Gefühl der Abgeschiedenheit hier am Ende Europas, er verleiht der felsigen Landschaft eine geheimnisvolle Note. Ich bin allein mit mir, dem Rhythmus der Wellen und dem regelmäßigen Ein-und-Aus meines Atems.
Die Erinnerung ist eine trügerische Schlampe
Kurz bevor ich den Leuchtturm am südwestlichen Ende Europas erreiche, wird der Pfad zu einer wahren Stolperfalle. Das gesamte Klippenplateau ist mit unterschiedlich großen Steinen übersät, die zur Hälfte im Boden stecken. Es gibt kaum Stellen, an denen ich den Fuß aufsetzen kann. Ich laufe mit reduziertem Tempo, bedacht darauf, nicht zu Fall zu kommen. Geschafft, ich bin am südwestlichsten Punkt Europas!


Die Kilometer hoch über dem Meer waren spektakulär und ich bin glücklich, dass ich in läuferischer Hinsicht so gut in den Tag gestartet bin. Wer hätte das geglaubt? Der Leuchtturm am Kap ist allerdings nichts weniger als eine Enttäuschung. Vor 25 Jahren war ich schon einmal hier und hatte ihn ganz anders in Erinnerung. Da müssen in meinem Kopf Bilder anderer Leuchttürme mit dem Erlebten verschmolzen sein – die Erinnerung ist eine trügerische Schlampe. Was mich zudem nervt: Den Moment an diesem geographisch bedeutsamen Punkt habe ich gegen mentale, körperliche und externe Widerstände mit viel Schweiß erarbeitet, für die meisten Touristen ist es an diesem Morgen nichts mehr als ein Punkt auf der Liste, den sie mithilfe ihres Mietwagens abhaken.
Wie um mich zu überzeugen, dass der Leuchtturm doch mehr zu bieten hat als auf den ersten Blick, gehe ich so dicht an das Bauwerk heran wie möglich. Nee, ist unspektakulär. Es gibt keinen Grund unnötig lange hier zu verweilen. Nicht einmal die bekannte Würstchenbude hat offen, wobei ich als Vegetarier auf die „letzte Bratwurst vor Amerika“ eh gerne verzichte. Pommes allerdings wäre ich nicht abgeneigt. Ich habe schon wieder Bock auf Fettiges.
Sagres versinkt im Grau
Über die von Sagres kommende Straße lasse ich das Kap hinter mir – immer noch laufend. Freundlich grüße ich die zahlreichen Touristen auf ihrem Weg zur markanten Landmarke, bin so im Flow, dass ich nicht bemerke, dass der Weg plötzlich im rechten Winkel weg von der Straße zurück auf die Klippen führt. Damit hatte ich schlicht nicht gerechnet. Man hat auch hier versucht, so wenig Straße wie möglich in den Weg zu integrieren. Auch auf den sechs Kilometern entlang der Südküste sind die Ausblicke beeindruckend. An einer Stelle hat der Ozean ein bogenförmiges Loch in eine Felsnase gefressen.
Kurz vor Mittag bin ich dann in Sagres. 20 Kilometer in zweieinhalb Stunden. Das ist sehr schnell, bedenkt man meine Vorbelastung und das Gelände. Natürlich höre ich jetzt nicht auf. Dazu fühle ich mich viel zu gut und bin voller Tatendrang. Den Hunger vertreibe ich mit den Wraps aus meinem Rucksack. Sie waren die richtige Wahl, gehen sehr gut runter. Dass ich essen kann, ist weiteres Wasser auf meine Mühlen. Die 20 Kilometer sind nicht spurlos an mir vorbeigegangen, aber noch fühle ich mich erstaunlich gut.
Der Ort ist wie der Leuchtturm eine kleine Enttäuschung. Hatte ich auch anders in Erinnerung. Vielleicht spielt das Grau in Grau eine Rolle. Im Sonnenlicht würde die Stadt einen ganz anderen Eindruck hinterlassen. Sie ist nicht hässlich, nur sehr funktional und es bleibt wenig bei mir hängen. Weil ich mich gut gerüstet sehe für die nächsten zwanzig Kilometer, halte ich nicht erneut an einem Supermarkt, sondern verlasse Sagres nach Nordosten über den Praia do Martinhal.

Dahinter durchquere ich eine Art Hochland mit niedriger Vegetation. Ein einsames, verlassenes Anwesen dominiert weithin sichtbar die Hügellandschaft, ein echter lost place. Wasserlachen stehen auf der rutschigen roten Erde, über die ich mich durch das Hügelland bewege. Bei mehr als einer Gelegenheit rutsche ich auf dem tückischen Untergrund weg. Weil ich doch nicht mehr so frisch bin, verlege ich mich auf einen Wechsel zwischen zügigen Gehen und langsamen Laufen. Wenn ich diese Etappe bewältige, sind es nur mehr zwei kurze Etappen bis Lagos, zusammen gerade mal 20 km.
Fluss ohne Brücke
Was ich nicht einberechnet habe: Die Etappe von Lagos nach Salema gilt als die schwerste. Bisher ist davon noch nichts zu bemerken und ich komme gut voran, habe schon sieben Kilometer seit Sagres zurückgelegt. Dann beginnen die Probleme. Rechts unter mir sehe ich das Meer und aus den Hügeln kommend einen Fluss. Da ich nicht den gesamten Mündungsbereich einsehen kann, drücke ich mir selbst die Daumen, dass es eine Brücke über den Strom gibt.
Natürlich nicht! Ein mehrere Meter breiter Fluss strömt in Richtung Meer und versperrt mir den Weg. Vorsichtig taste ich mit den Stöckern im träge fließenden Wasser. Es ist ungefähr hüfttief, aber der Untergrund ist unregelmäßig und schwer einzuschätzen. Das ist mir zu heikel. Flussaufwärts gibt es jedoch auch keine Stelle, die besser aussieht, weshalb ich nach Minuten erfolgloser Suche wieder an der Stelle stehe, an der der Fluss den Weg kreuzt. So ein verdammter Mist, ich bin so gut unterwegs gewesen und jetzt macht mir schon wieder der Regen einen Strich durch die Rechnung. Ich bin nach drei Tagen nicht mehr resilient genug, um das einfach so wegzustecken.
Auf der anderen Seite nähert sich ein älteres Paar und lotet seinerseits die Möglichkeiten aus. Wir tauschen uns auf Englisch aus. Flussabwärts gibt es auch keinen Überweg, erfahre ich. Dort wird der Fluss sogar breiter. Die Frau meint: „You got to swim.“ Meint sie das als Scherz? Ach, was soll’s. Ich werde den Weg nicht zurücklaufen, vorwärts geht’s leichter. Wenn ich jetzt die sieben Kilometer bis nach Sagres zurück laufen muss, wird mich das demoralisieren. Dann werde ich sicher keinen Schritt mehr laufen heute. Ich ziehe Schuhe und Strümpfe aus, verpacke das Handy in einen Ziplockbeutel und wate ins Wasser.
Das Wasser steht mir bis zum Hals, fast
Das Wasser steigt mir schnell bis zum Oberschenkel, aber es wird wider Erwarten nicht tiefer. Mit meinen Carbon-Stöcken sichere ich mich und prüfe die Tiefe vor mir. Es geht besser als gedacht, keine Minute dauert die Überquerung. Trotzdem war es vernünftig, erst nach einer Alternative zu suchen. Das hätte auch anders ausgehen können.
„I can’t do that, I’m smaller than you.“, sagt die Frau bedauernd. Sie entscheiden sich gegen die Überquerung und kehren um. Auf der östlichen Seite des Flüsschens erwartet mich eine Art Kommune. Runtergerockte Fahrzeuge, die mehr schlecht als recht zu Wohnmobilen umgebaut wurden, stehen auf dem Parkplatz am Praia do Barranco. Einige der Bewohner haben Neoprenanzüge an und sind auf dem Weg zum Wasser. Der Strand ist wunderschön und bis auf die paar Surfer einsam und verlassen.
Mit der Durchquerung des Flusses habe ich das Schlimmste hinter mir, nehme ich an. Doch was vor mir liegt, kostet mich beinahe die letzten Reserven. Es beginnt ein stundenlanges langes Auf und Ab. Fast ein halbes Dutzend Strände liegen auf den 12 km zwischen dem Praia do Barranco und Salema. Jeder einzelne kann nur über steile Pfade erreicht werden. Die Höhenmeter summieren sich. Dafür sind die Ausblicke umso schöner. Die Dichte an entlegenen Stränden ist bemerkenswert.
Noch einmal ziehe ich Schuhe und Socken aus, als ich am Praia do Zavial einen Wasserlauf überwinden muss. Er ist nur knöcheltief, aber noch sind meine Schuhe einigermaßen trocken. Das darf gerne so bleiben. Dann klingelt mein Telefon. Das kann nicht gut sein. Meine Frau informiert mich über die Lage zuhause, es gibt mehr Probleme. Ohnehin schon in einer Art Tief, ist das noch einmal gewaltiger mentaler Ballast, mit dem ich fertigwerden muss. Es ist richtig, dass meine Frau das bei mir ablädt, sie muss es loswerden. Und wenn ich schon die Freiheit bekomme, hier mein Ding durchzuziehen, dann muss ich auch damit klarkommen.
Herrliche Panoramen und der Verlust der Selbstachtung
Immerhin entschädigen die nicht enden wollenden Panoramen für das mühevolle Vorankommen. Von der Leichtigkeit heute Früh ist nicht mehr viel geblieben. Je länger die Etappe dauert, desto größer wird mein Hunger, meine Konzentration leidet. Mehrmals stolpere ich über Steine oder Wurzeln, der Weg ist fordernd. Weil meine Schuhe vom Schlamm rutschig sind, geben sie auf den glatten Steinen keinen Halt. Regelmäßig muss ich mich abfangen, pralle einmal mit meinem linken Arm sogar schmerzhaft auf einen Findling. Zum Glück nichts Ernsthaftes.
Versprengte Häuser zeugen nach einer kleinen Ewigkeit davon, dass ich dem Etappenende näher komme. Es wird Zeit, der Hunger ist quälend. Ich muss mich dringend verpflegen. Das Terrain hat seinen Tribut gefordert und ich schleppe mich mühsam dahin, aufrecht gehalten nur von den herrlichen Blicken auf den Ozean und dem Gedanken vorwärts zu kommen.
Der erstbeste Mini Mercado in Salema gehört mir. Mehr denn je höre ich auf mein Bauchgefühl. So etwas wie Sandwiches finde ich nicht, bleibe aber am Trinkjoghurt hängen. Mag ich sonst nicht so, aber jetzt will ich den. Und Eiskaffee, Chips, Orangensaft und Salsa. Eine Tüte Weingummis auch noch, bitte. Reichlich im Arsch pflanze ich selbigen auf eine Treppe und haue mir den Bauch voll, trinke zum Abschluss sogar einen Rest Salsa aus dem Glas. Irgendwo auf den letzten 20 km ist meine Selbstachtung verloren gegangen, fürchte ich.
Ein Bad im Wasser, ein verbogener Carbon-Stock und ein blutender Fuß
Zwei Etappen noch, jede ungefähr nur zehn Kilometer lang. Das werde ich nicht im restlichen Tageslicht schaffen, aber anfangen kann ich ja. Und je näher ich Lagos komme, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass Laternen den Weg leuchten. Selbstbetrug ist ein sehr wirksamer Mechanismus, um sich bei Laune zu halten. Bisher hat das wunderbar funktioniert.
Die farbig umrandeten Haustüren entlang der Straße sind ein Kontrapunkt zum Grau des Spätnachmittags. Es ist erst kurz nach 16 Uhr, aber das Licht schon jetzt diffus. Hinter einem kräfteraubenden Anstieg liegt ein kleiner Strand. Er ist vergleichsweise gut besucht. Am gegenüberliegenden Ende des Praia da Boca do Rio ist ein Wasserlauf – worauf schon der Name des Strandes schließen lässt. Ohne ins Wasser zu steigen, werde ich den nicht überqueren können. Ohne zu zögern ziehe ich abermals Schuhe und Strümpfe aus.
Das Wasser ist nicht allzu hoch, nicht vergleichbar mit dem Fluss, den ich vor Stunden durchquert habe. Deswegen verzichte ich darauf, das iPhone extra in einen Ziplock-Beutel zu verstauen, so übel wird es schon nicht werden. Schuhe in der linken Hand, die Carbonstöcke in der rechten schreite ich vorsichtig ins kalte Wasser und bereue meine Nachlässigkeit fast sofort.
Es zieht und schiebt heftig, das spüre ich schon nach zwei Schritten. Die Strömung ist viel stärker als vorhin. Mithilfe der Stöcke suche ich halt im steinigen Flussbett. Große Steine liegen unter dem Wasser verdeckt, scharfkantig und schlüpfrig. Ich finde auf dem Untergrund keinen sicheren Stand. Mit aller Kraft stemme ich mich gegen die überraschend starke Strömung. Es hilft nichts. Bevor ich das Ufer erreiche, verliere ich den Halt. Mit einem halben Bauchklatscher hechte ich in Richtung Ufer und rapple mich auf.
Schnell ziehe ich das Handy aus der Tasche am Schulterriemen und trockne es notdürftig. Es ist nur kurz eingetaucht und wird keinen Schaden nehmen. Mein rechter Carbonstock hingegen ist nicht ohne Schaden davongekommen. Im unteren Drittel ist er verbogen – ein Zeugnis der Kräfte, die hier gewirkt haben. Aus einem Schnitt an meinem Fuß fließt Blut.
Unverhoffte Unterstützung
Ich bin auf einem Tiefpunkt. „Was für eine Scheiße, jetzt ist endgültig Schluss!„, ist mein erster Gedanke. Auf der anderen Seite des Flüsschens stehen eine Frau und ihr Kind und jubeln mir zu, nicht ironisch. Sie feiern ernsthaft, dass ich es geschafft habe. Eigentlich sollten sie mich ausschimpfen für diese idiotische Aktion. Das war leichtsinnig. Trotzdem hilft mir die kleine Geste der beiden Fremden aus meiner ersten Frustration heraus. Der unerwartete Zuspruch ist mir eine moralische Stütze.
Fast zeitgleich kommt ein Wanderer auf mich zu, trocken. Der hat doch nicht trockenen Fußes einen Weg über den Fluss gefunden? Gedanklich haue ich mir schon in die Schnauze. Auf Nachfrage erklärt er mir, dass er aus Richtung Luz kommt und erfolglos nach einer Furt sucht. Puh, wenigstens bleibt mir diese Schmach erspart. Mit Blick auf das Blut an meinem Fuß und meine durchnässten Klamotten, kann ich ihm nur raten, sich einen anderen Weg zu suchen, auch wenn das einen längeren Umweg bedeutet.
Nun gut, sitzen bleiben kann ich hier nicht. Egal, ob ich weitermache oder nicht. Den Fluss will ich kein zweites Mal überqueren, also bleibt nur weiterzulaufen. Gut so! Es bleibt ein stetes Auf-und-Ab, mental und im Hinblick auf die Topographie. Die Küste ist nun spürbar dichter besiedelt, nicht so verlassen wie auf der vorigen Etappe. Die Wege sind im Grunde gut ausgebaut, aber vom Regen glitschig. Oft ist weniger Weg als Pfütze vorhanden und es ist Teil der Herausforderung, ihnen auszuweichen. Es ist wie der Lauf durch ein Minenfeld, nur mit weniger unangenehmen Konsequenzen. Ein Fehltritt kostet mich nicht gleich ein Bein, durchweich nur Schuhe und Strümpfe aufs Neue. Die sind zwar schon seit Stunden und Tagen feucht, doch noch immer bin ich verschont von Blasen. Das spricht deutlich für die Qualität der Socken. Normalerweise müsste ich Schwimmhäute haben.
Bekanntes Terrain auf der letzten Etappe
Die Etappe von Salema nach Luz wird fast genau zur Hälfte durch einen weiteren kleinen Ort geteilt. Burgau ist verwinkelt und ich irre ein bisschen durch die labyrinthartigen, steilen Gassen. Der Nieselregen lässt es im dämmrigen Licht etwas trist wirken, kann ihm aber nicht seinen Charme nehmen. Als ich an einem Minimercado vorbeikomme, ergreife ich dankbar die Chance. Eiskaffee, Trinkjoghurt und ein Pastel de Nata – das erste auf meiner Reise.
Je näher ich Luz komme, desto mehr Kraft finde ich zum Laufen. Nicht schnell, aber auch kleine Strecken reduzieren die Dauer eines Kilometers erheblich. So verfliegen die fünf Kilometer bis zum Etappenende fast. Die Straßenlaternen in dem mondänen Küstenort sind bereits aufgeflammt, die Sonne ist untergegangen. 52 km zeigt der Fahrtenschreiber am Handgelenk, den letzten davon habe ich sogar in „atemberaubenden“ sechs Minuten und neunundvierzig Sekunden geschafft. Bleiben noch 10 km.
Die Stirnlampe hatte ich auch auf der dritten Etappe nicht eingepackt – dumm gelaufen. Trotzdem bin ich zuversichtlich, dass die letzten Kilometer zu schaffen sind. Schließlich komme ich Lagos immer näher und setze auf Straßenbeleuchtung. Wenigstens auf den letzten zwei oder drei Kilometern. Einen Teil des Streckenverlaufs auf dieser letzten Etappe meines Abenteuers kenne ich bereits, bin ihn vor zwei Jahren teilweise gelaufen. Der Fishermen’s Trail folgte auch da konsequent der Küstenlinie. Drauf gepfiffen, wird schon. Wer stehenbleibt verliert.
Eine letzte Abkürzung
Kaum bin ich raus aus Luz, erkenne einen Monolithen auf der Spitze eines Hügels. Bis zu diesem Geodäten war ich von 2024 von meinem Hotel in Lagos gelaufen und weiß genau, dass es von meinem Standpunkt einen relativ kurzen Weg bis in die Stadt gibt. Das gibt den Ausschlag. Mir reicht es und ich habe überhaupt keine Lust mehr, mich auf den Hügel zu schleppen, will nur noch ins Hotel. Mir ist klar, dass ich damit zum dritten Mal abkürze, aber es macht keinen Unterschied mehr, ob ich nun einmal oder dreimal abkürze. Die Regeln mache ich mir selbst, seit die FKT nicht mehr von Interesse ist.
Von nun an ignoriere ich die Routing-Funktion der Uhr und nehme Google Maps zu Hilfe, um den kürzesten Weg zum Hotel zu finden. Sind immerhin trotzdem noch fünf Kilometer plus x. Jetzt, wo ich den Entschluss gefasst habe, wäre mir weniger lieber. Bis zur befestigten Straße gehe ich die meiste Zeit über Feldwege, dann beginne ich zaghaft zu laufen. Es geht abwärts, aber der erste gelaufene Kilometer zieht sich. Die 200 km in den Beinen machen sich schmerzhaft bemerkbar. Auch den folgenden Kilometer laufe ich mehr als ich gehe. Dass das immer noch geht! Wenn ich es nicht übertreibe, kann ich einen langsamen Rhythmus finden, der sich aushalten lässt. Schmerz hin, Wehwehchen her.
Die Randgebiete der Stadt sind nicht schön, teils sind es reine Wohngebiete, teils Gewerbe. Erst auf dem letzten Kilometer komme ich in die eigentliche Innenstadt. Passenderweise regnet es wieder stärker. Wie sonst sollte dieser Lauf enden? Ein Drehbuch hätte es genau so arrangiert. Die Fußgängerzone ist fast menschenleer und auf dem nassen Kopfsteinpflaster reflektieren die Lichter der Restaurants und Geschäfte. Meine Zielgeraden funkelt! Das Ende ist in Sicht und keiner der wenigen Passanten ahnt, warum dieser leicht mitgenommen wirkende, komplett durchnässte Tourist mit dem verbogenen Carbonstock mit einem leicht glasigen Blick vor sich hinlächelt. Wahrscheinlich hat er einfach einen an der Waffel.
Das Ende ist so unspektakulär wie der Start. Niemand nimmt Notiz von mir, wie ich die Uhr vor der Hoteltür stoppe. Fast exakt 60 Stunden sind seit meinem Start am Strand von Sao Torpes verstrichen, zwei Tage und zwölf Stunden. In dieser Zeit habe ich 205 km hinter mich gebracht und 3.500 Höhenmeter – alles Kraft meiner eigenen Beine. Dann öffnet mir der Rezeptionist die Eingangstür. Meine Redseligkeit verrät meine Erregung – ich bin aufgekratzt, und habe das Bedürfnis mich mitzuteilen.
Nichts weniger als das Abenteuer meines Lebens
„Tough conditions“, „not the best weather to do the trail“, „hard but beautiful“ – der freundliche Mitarbeiter hört sich meine kleine Heldengeschichte interessiert an und bietet mir Kuchen und Salzgebäck an. Mit Hinweis auf meinen gereizten Magen, lehne ich ab. Ich will unbedingt raus aus den nassen Sachen und eine heiße Dusche nehmen, um Schweiß, Dreck, Blut und vielleicht auch ein paar Tränen abzuspülen.
Was ich in den letzten 60 Stunden erlebt und geleistet habe, bekomme ich rational nicht zu fassen. Ich schaue auf meine eigene Leistung wie auf die eines Fremden. Unfassbar! Ein Teil hatte nie damit gerechnet, dass ich je ankäme. Der andere ist immer noch kritisch und spielt meine Leistung herunter. Zu viel Hiking, zwei Übernachtungen, drei Abkürzungen. Keine FKT, das hätte besser sein können. Mit 46 wird sich mein Denken wohl nicht mehr ändern. Egal, welche verrückten Läufe ich durchziehe, wird ein Teil meines Ichs mich nie als „richtigen“ Ultraläufer betrachten.
Und vergisst dabei, dass ich einer von ganz wenigen Menschen bin, der zu solchen Leistungen in der Lage ist, seinem Körper mit 46 ein solches Unterfangen zumuten kann. Vergisst, dass ich mit Extremwetter zu kämpfen hatte. Vergisst, dass ich Sand, technischen Trails, Flüssen und Gegenwind trotzen musste. Vergisst, dass ich bereits am ersten Tag so weit gelaufen bin, wie noch nie in meinem Leben, mir drei Tage Grenzbelastungen zugemutet und doch jeden Rückschlag überwunden habe. Vergisst, den mentalen Rucksack, den ich über die mehr als 200 km getragen habe.
Es ist gut, dass es auch diese rationale Seite in mir gibt, die genau einordnen kann: Das war das Abenteuer meines Lebens. Nichts mehr und nichts weniger. Es war genau das, was ich mir gewünscht hatte, eine unvergessliche, intensive Erfahrung auf einem der schönsten Fernwanderwege Europas.
Tag 1: 80 km gegen Sturm und Zweifel – Tag 1 auf dem Fishermen’s Trail
Tag 2: Zurück auf dem Trail: Zwischen Flow und Frust – Tag 2 auf dem Fishermen’s Trail












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