Ich bin in so gut wie jeder Hinsicht unvorbereitet. Gestern Abend erst hatten wir entschieden, uns trotz diverser Unwägbarkeiten an die Durchquerung des Torrent de Pareis zu machen. Die Schlucht im Norden Mallorcas gilt als eine der spektakulärsten in ganz Europa und mit Abstand als die schwerste Wanderung auf der gesamten Insel. Von ihr gehört hatte ich dennoch nie. Kein Wunder: Die Lieblingsinsel der Deutschen war bisher einfach nicht mein bevorzugtes Reiseziel, und mein Wissen darüber war so rudimentär wie über Wanderrouten im Allgemeinen.
Vom Außenstehenden zum Expeditionsteilnehmer
Erst von Hendrik hatte ich Kenntnis von der berühmt-berüchtigten Wanderung erlangt. Als Außenstehender hatte ich mir interessiert angehört, wie er mit seiner Frau das Für und Wider einer Durchquerung des Canyons abwog – bis ich im Verlauf unseres Urlaubs unverhofft vom Unbeteiligten zum „Expeditionsteilnehmer“ auserkoren wurde. Obwohl die Bedingungen nicht optimal waren, hatte Hendrik nicht von der Wanderung lassen können und mich wenige Tage vor Ende des Urlaubs direkt gefragt.
Die Warnungen in Bezug auf eine Passage des Torrent de Pareis waren recht deutlich: Eine Wanderung für die „professionelle Wanderschuhe und Klettererfahrung unbedingte Voraussetzung sind.“ (vgl. Wikipedia: Torrent de Pareis) Ein etwa zehn Meter langes Seil für die schwierigen Stellen sei hilfreich, körperliche Fitness unabdingbar. Wenigstens bei den Anforderungen an die körperliche Fitness machte ich mir keine Sorgen. Mein Einwand, keine Wanderschuhe zu besitzen, wurde einfach weggewischt von Hendriks Optimismus. Das würde ich bei meiner körperlichen Konstitution auch locker mit Trailrunning-Schuhen schaffen. Wie soll ich denn jetzt noch nein sagen, Kollege!
Das Wetter als Schicksalsfrage
Der entscheidende Punkt würde aber wohl das Wetter werden. Die Einschätzungen lauteten, dass der Torrent de Pareis nach schweren Regenfällen etwa zehn Tage lang nicht durchquerbar ist. Wasseransammlungen können die Wanderung dann unmöglich machen oder einen Neoprenanzug erfordern. Zudem werden die Felsen durch Wasser spiegelglatt. Bei Starkregen gilt sogar akute Lebensgefahr. Erst 2024 wurden zwei britische Touristen im Torrent de Pareis durch ein Unwetter überrascht und ertranken.
Die Wanderung ist in puncto Schwierigkeit zweifelsohne konkurrenzlos auf Mallorca. Auch ohne Regen. „In Wanderführern wird diese Tour als die anspruchsvollste und gefährlichste der Insel bezeichnet. Warnschilder weisen auf die Gefahren hin. Ungefähr ein Viertel der Rettungen in Mallorca findet in der Gegend der Schlucht statt.“ (vgl. Wikipedia: Torrent de Pareis)
Seit fünf, sechs Tagen war es trocken, doch hatte es davor teils heftig geregnet. Möglicherweise dauerte die Trockenperiode noch nicht lange genug an. Die Informationen auf der offiziellen Website waren veraltet, und es blieb ein Risiko, dass der Torrent de Pareis noch immer nicht begehbar war. Unser Zeitfenster schrumpfte von Tag zu Tag.
Am schnellsten hätten wir Gewissheit, wenn wir die Wanderung vom Meer aus beginnen würden. Naturgemäß sammelt sich das Wasser bei Regenfällen vor allem im unteren Teil des Tales nahe dem Meer. Auf diese Art würden wir schnell feststellen, ob der Weg überhaupt begehbar war. Beim Einstieg von Süden kann man diese Feststellung mitunter erst nach Stunden treffen, nur um dann den ganzen Weg zurückgehen zu müssen.
Aufbruch mit Hindernissen
Es ist noch dunkel, als wir uns mit unseren Mietwagen auf die fast eineinhalbstündige Fahrt ins Gebirge machen. Unser Plan sieht vor, eines der Fahrzeuge am südlichen Ende des Wanderweges abzustellen und dann eine weitere Stunde nach Sa Calobra zu fahren. Voller Vorfreude folge ich den Lichtern von Hendriks „Ufo“, wie er seinen Mietwagen scherzhaft nennt, die Auffahrt der Finca zur Hauptstraße. Weil ich mich nicht direkt hinter ihm in den Verkehr einordnen kann, will ich das Ziel in die Navi-App meines iPhones tippen, stelle aber fest, dass ich das Handy gar nicht bei mir habe. Es steckt im Rucksack in der Küche. Das geht ja gut los!
Bei nächster Gelegenheit wende ich, verpasse (wie so oft in diesem Urlaub) zweimal die winzige, unbeleuchtete Einfahrt und hole meine Ausrüstung. Die Eskapade hat mich locker zehn Minuten gekostet. Wenigstens sind die Straßen an diesem frühen Montagmorgen leer. Und der Himmel ist ein Spektakel. Die Sonne geht in schillerndsten Farben auf. Immer wieder blicke ich in meine Spiegel, kann nicht genug davon bekommen. Trotz meines Rückstandes auf Hendrik lege ich einen kurzen Fotostopp ein. Diesen Himmel muss ich festhalten.

Ein Dutzend Kurven zum Meer
Eine gute Stunde später erreiche ich fast zeitgleich mit Hendrik den abgesprochenen Parkplatz. Bis auf ein einsames Wohnmobil sind unsere beiden PKW die einzigen Fahrzeuge. Das entspricht gar nicht meinen Erwartungen. Nach den überschwänglichen Schilderungen Hendriks über diese Wanderung hatte ich mit Unmengen von Touristen gerechnet. Wir brauchen nicht einmal ein Parkticket, können eines der Fahrzeuge einfach stehen lassen und hinunter zum Meer fahren.
Allein schon die Fahrt ist außergewöhnlich. In zwölf Serpentinen schlängelt sich die MA-2141 aus dem Gebirge hinab zur Bucht von Sa Calobra. Höhepunkt der Fahrt ist der sog. Krawattenknoten, eine 270°-Kurve (vgl. Merian – The Art of Travel). Es ist bereits 9:30 Uhr, als wir den Parkplatz erreichen. Viel los ist auch hier nicht. Ein einschüchternd gut ausgestattetes Quartett macht sich bereit für die Exkursion, sonst sind wir allein.
Schilder weisen den Weg zum Torrent de Pareis. Eine kleine Bucht blitzt zwischen den Bäumen durch, dann führt der Weg in einen Fußgängertunnel, der direkt über dem Meer in die Felswand getrieben wurde. Die Brandung hallt in dem Tunnel wider, gelegentlich in den Fels geschlagene Nischen gewähren immer wieder Blicke aufs Mittelmeer. Noch immer bin ich auf eine gute Art unvorbereitet, habe nicht recherchiert und deswegen auch keine Erwartungen. Die wenigen Bilder, die ich im Wanderführer oder auf offiziellen Websites gesehen habe, waren wenig aussagekräftig.



Ein Ort von stiller Wucht
Umso überwältigter bin ich, als wir die hölzerne Treppe am Ende des zweiten Tunnels hinabgestiegen sind und uns an der Mündung des Torrent de Pareis wiederfinden. Das hätte ich nicht erwartet! Wir befinden uns in einem Talkessel von vielleicht 100 m Durchmesser. Ringsum ragen zerklüftete Felswände hunderte Meter hoch. Buschige Vegetation am Fuß der Klippen bildet einen farblichen Kontrast. Am Nordende des 100 m durchmessenden Talkessels sind die Felsen auf einer Breite von ca. 30 Metern durchbrochen. Die Schlucht öffnet sich hier zum Meer, das hinter einem kleinen Wall aus weißen Kieseln liegt. Sie bedecken den Boden des gesamten Mündungsbereiches.
Wir sind – abgesehen von einigen Wild-Campern – allein. Das Meeresrauschen wird durch den engen Trichter verstärkt und mischt sich mit dem Gesang der Vögel. Die Schönheit dieses Ortes, der erst langsam von den Strahlen der Morgensonne mit Licht erfüllt wird, lässt sich mit Worten nur unzureichend beschreiben. Ich weiß nicht, was ich erwartet hatte, das hier jedenfalls nicht!
Nach Süden hin verjüngen sich die Felswände zur eigentlichen Schlucht. Davor sind Wasseransammlungen auszumachen. Mit einem Schreck fällt mir ein, dass noch gar nicht klar ist, ob der Sturzbach zu viel Wasser für unsere Exkursion führt. Das hatte ich in der Euphorie des Augenblicks komplett vergessen. Da der Mündungsbereich nicht komplett unter Wasser steht, scheinen unsere Chancen gut zu stehen.



Die Wasseransammlungen vor dem Eingang zur Schlucht bedecken die gesamte Breite des Tals, umgehen ist ausgeschlossen. Das Wasser ist nur knöcheltief, sodass wir es einfach durchwaten. Ich barfuß, Hendrik setzt auf seine wasserdichten Schuhe. Das geht so lange gut, bis das Wasser zu tief wird und über den Schaft der Schuhe läuft. Davon abgesehen haben wir Glück. Die nachfolgenden Wasserflächen lassen sich umgehen, indem wir ins Dickicht oder an den Rand der Schlucht ausweichen. Dann befinden wir uns am Eingang zum Torrent de Pareis.



In der Gefahrenzone
Wir betreten die Gefahrenzone, wie uns ein reichlich ramponiertes Schild in Erinnerung ruft. Riesenhafte Felsen haben sich zu bizarren Formationen aufgetürmt und zwischen den Steilwänden verkeilt. Andere Bereiche wirken geradezu aufgeräumt, sind frei von Felsen. Ein mit Farnen bewachsenes Rinnsal tropft den Fels zu unserer Rechten herab. Es ist die Tropfenquelle Font des Degotís. Nun sind wir im Herzen des Sturzbaches, dem schönsten Teil des Torrent de Pareis.
Das Licht zwischen den zweihundert Meter hohen Wänden ist diffus, die Schlucht teils kaum zehn Meter breit. Immer wieder blockieren mannshohe Felsen die Schlucht vollständig. Der Weg ist technisch anspruchsvoll. Jeder Schritt will umsichtig gesetzt werden. Es ist weniger eine Wanderung, denn ein Geschicklichkeitsspiel. Wir hüpfen von Fels zu Fels zu Fels zu Fels…wobei der Weg nicht immer klar ist. Wir suchen uns denjenigen, der für uns am geeignetsten erscheint. Und der muss nicht immer für uns beide gleich sein. Wo Hendrik linksherum geht, klettere ich über einen Felsen.
Nach ungefähr 25 Minuten wartet die Schlucht mit der ersten fiesen Engstelle auf. Ein Fels hat sich so verkeilt, dass ein Durchlass bleibt, den man gerade so ohne Rucksack überwinden kann. Sich unter einem tonnenschweren Block aus massivem Gestein hindurch robben zu müssen, erzeugt ein mulmiges Gefühl. Wie lange hängt der Stein schon so? Und wichtiger noch: Wie lange bleibt er in seiner aktuellen Position? Ungern möchte ich derjenige sein, bei dem sich der Brocken nach Jahren oder Jahrtausenden löst. Am besten, man lässt solche Stellen schnellstmöglich hinter sich und hält sich nicht unnötig lange unter dem Fallbeil auf.


Der Reiz der Herausforderung
Den Weg suchen zu müssen, ist Teil des Spaßes. Ständig sind wir beschäftigt damit, uns kleinen und großen Hindernissen zu stellen, brauchen aber nie länger, um eine Lösung zu finden. Es ist genau der richtige Grad an Herausforderung, um in einen guten Flow zu kommen. Den Rest der Zeit reden wir über alles und nichts oder lassen einfach die wildromantische Schlucht auf uns wirken.
Wir stehen vor einem mehrere Meter hohen Wall aus gestapelten Felsbrocken und können keinen Weg erkennen. Inzwischen ist es 11:20 Uhr und mehrmals hatten wir den Eindruck, die anspruchsvollsten Stellen überwunden zu haben. Bis jetzt. Nachdem wir die vor uns liegende Barriere begutachtet haben, probieren wir es erfolglos auf der linken Seite. Rechts ist eine Art Höhle oder Felsnische erkennbar. Um sie zu erreichen, ist Klettern angesagt. Während Hendrik sich auf den linken Bereich konzentriert, verdichten sich die Anzeichen, dass es rechts langgeht.
Dort habe ich eine Metallöse ausgemacht, die in den Fels getrieben wurde, um dort ein Seil anzubringen. Ein solches haben wir nicht, weshalb wir den Höhenunterschied frei kletternd überbrücken müssen. Und selbst dann bleibt bei mir Skepsis. Die Öse wird sicherlich nicht zufällig hier angebracht sein, aber die einzige Möglichkeit weiterzukommen, ist ein enges Loch in der Höhlendecke. Probieren geht über Studieren. Ich setzte den Rucksack ab und zwänge mich durch die Öffnung. Tatsächlich gelange ich so zurück ins Flussbett, hole Hendrik und Rucksack nach, und schon können wir die Wanderung fortsetzen.


Eine Kathedrale aus Stein
So unwirtlich die Umgebung ist, finden wir überall Spuren von Leben. Ein Setzling sprießt scheinbar direkt aus dem trockenen Flussbett. In und um den Torrent de Pareis wachsen etwa 300 Pflanzenarten, darunter Johannisbrotbaum, Felsenbirne, Mönchspfeffer, Farne und Moose. Für uns besonders auffällig sind die überall wachsenden Feigenbäume, die sich selbst an den kleinsten Felsvorsprüngen festkrallen. Mückenlarven zucken in Pfützen und in den Gumpen entdecken wir immer wieder Kaulquappen. Vielleicht sind es die juvenilen Entwicklungsstadien der seltenen Mallorca-Geburtshelferkröte, deren Rückzugsort sich hier befindet. Gelegentlich sehen wir verwilderte Hausziegen, die sich in dem zerklüfteten Gelände mühelos fortbewegen und wenig Scheu zeigen.




Eine halbe Stunde, nachdem wir uns durch die Engstelle im Flussbett gequetscht haben, türmen sich gigantische Felsen vor uns auf. Vage nur kann ich mir vorstellen, welche Kraft notwendig gewesen sein muss, Steine groß wie PKW so zu verkeilen. Die Unendlichkeit zu begreifen, mit der sich das Wasser in den massiven Fels gegraben und diese bizarre Kulisse geschaffen hat, übersteigt meine Vorstellungskraft komplett. Die Schlucht ist ein in Stein gegrabenes Zeugnis der Unendlichkeit, eine schmerzhafte Mahnung an die lachhaft kurze Zeitspanne unseres Daseins. Wir befinden uns in einer natürlichen Kathedrale, in der man – genauso wie in einer echten Kirche – automatisch die Stimme senkt.
Eine Busladung Realität
Sollte man meinen. Nach Stunden der Ruhe kündigen sich Wanderer aus der anderen Richtung an. Wir hören sie schon lange bevor wir sie sehen. Ich kann fast spüren, wie Hendriks Laune schlechter wird. Seine Abneigung ist fast greifbar. Über Stunden haben wir niemanden gesehen und kaum etwas gehört und bekommen jetzt die volle Dröhnung. Zuerst helfen wir einem Pärchen bei der Navigation über die Brocken. Von unten sind die in die glatte Oberfläche der Felsen gefrästen „Stufen“ besser zu erkennen. Es sind aufgeraute Stellen, die den Abstieg vereinfachen sollen. Leider verhindert die Sprachbarriere einen längeren Austausch.
Dann kommt eine Gruppe Deutscher. Es war fast klar. Angewidert packen wir unsere Brote ein, angesichts der respektlosen Lautstärke der Gruppe vergeht uns der Appetit. Es ist nicht so, dass sich die gemischte Gruppe wirklich daneben benimmt, aber in einer Kirche führt man eben auch keinen ausgelassenen Affentanz auf. Banausen!
Plötzlich ist es ein Kommen-und-Gehen. Im Minutentakt kommen uns Paare und Gruppen entgegen. Es muss ein Bus angekommen sein. Und das ist wörtlich gemeint. Täglich erreicht von Port de Sóller aus kommend ein Linienbus um 9 Uhr den oberen Einstieg in die Schlucht. Zeitlich passt das exakt. Dreieinhalb Stunden haben die entgegenkommenden Wanderer gebraucht, manche mehr, manche weniger.
Wir packen unsere Brotzeit ein, es schmeckt uns bei dem Trubel nicht mehr. Wir erklimmen die meterhohen Felsen vor uns. Erst hier oben können wir verstehen, warum einige der Wanderer beim Abstieg über die Felsen so zögerlich waren. Hinaufzusteigen ist das Eine. Hinab ist es eine ungleich schwierigere Aufgabe. Weil das Flussbett abfällt, hat man das Gefühl an einem Abgrund zu stehen. Jetzt, wo ich dessen gewahr bin, befällt mich ganz kurz selbst leichte Panik, als ich beim Sprung von einem auf den nächsten Stein das irrationale Gefühl habe nach hinten zu kippen.


Am Ursprung des Torrent de Pareis
Nachdem der Strom der Wanderer abgeebbt ist, umfängt uns wieder Stille. Abgesehen vom Gezwitscher der Felsentauben und dem Kreischen einer Drohne, die gelegentlich über uns hinwegpfeift. Auch wir haben eine Drohne dabei und lesen erst später, dass es streng verboten ist, sie in der Schlucht einzusetzen…
Vielleicht 20 Minuten sind seit der letzten Kletterpassage vergangen, als wir den s’Entreforc genannten Zusammenfluss von Torrent des Gorg Blau und Torrent de Lluc erreichen. Der Torrent de Pareis verläuft grob in südöstlicher Richtung, wenn man ihn – wie wir – vom Meer aus begeht. Der Torrent des Gorg Blau zu unserer Rechten, liegt also in südwestlicher Richtung. Im Osten liegt der Torrent de Lluc.

Durch den Zusammenfluss der beiden Quellbäche bildet sich hier der Torrent de Pareis. Mit anderen Worten: Wir verlassen ihn nun und gehen in östlicher Richtung im Torrent de Lluc weiter. Dem Torrent des Gorg Blau kann man nur einige hundert Meter folgen, bis die Felsen sich immer weiter verengen und der Weg schließlich in einer Sackgasse endet. Diesen Abstecher ersparen wir uns und folgen dem Hinweisschild zum Ende unserer Tour.
Der Torrent de Lluc ist insgesamt breiter und weniger herausfordernd. Vegetationsstreifen begrenzen das steinige Bachbett. Es ist nach dem anspruchsvollen Klettern im Torrent de Pareis schon beinahe monoton über die vielen kleinen Felsen zu gehen. Kaum denke ich es, spricht Hendrik meinen Gedanken aus. Der Torrent de Lluc ist schön, das steht außer Frage, hat aber einfach weniger Wow-Faktor. Dem Vergleich mit dem Torrent de Pareis kann er schlicht nicht standhalten. Die Wanderung von Escorca abwärts in Richtung Meer ist vom Drehbuch her deutlich dramatischer.
Für uns, die wir den umgekehrten Weg nehmen, ist es eine langsame Entwöhnung von der überwältigenden Schönheit des Torrent de Pareis und dem Nervenkitzel seiner Durchquerung. Wir kommen langsam runter. Wären wir nicht auf Mallorca, sondern in einer südamerikanischen Schlucht, würde mir das gelegentliche Rascheln im Gebüsch neuen Nervenkitzel bereiten. Es sind erneut nur Hausziegen, keine Pumas oder Jaguare.

Entscheidung mit Folgen
Von den 600 Höhenmetern der Wanderung haben wir mehr als die Hälfte noch vor uns. Langsam dämmert uns, was uns noch bevorsteht. Der Ausstieg aus dem Bachbett hinauf zum Parkplatz erfolgt in engen Serpentinen die südliche (rechte) Felswand hinauf. Der kleine Pfad ist unter der wuchernden Vegetation stellenweise nicht erkennbar. Auch deshalb, weil Wanderer und Ziegen alternative Pfade ausgetreten haben. Die Steigung ist extrem.
Irgendwann beschließen wir abzukürzen, indem wir die Serpentinen schneiden und direkt nach oben steigen. Das Vorgehen wird sich nicht als unsere beste Idee entpuppen, weil just im Moment unseres Entschlusses der Weg nicht mehr in Serpentinen verläuft. Das Dissgras ist hüfthoch und kaschiert gründlichst Trittlöcher und Stolperfallen darunter. Es ist außerdem äußerst scharfkantig. Als wir nach vor einer steilen Felswand stranden, blicke ich auf meine Beine hinab, die merkwürdig brennen. Kreuz und quer ziehen sich Schnitte über Knie und Oberschenkel.
Umzudrehen ist keine echte Option. Noch einmal müssten wir durch das Gras waten, was keine einladende Wirkung auf mich hat. Bisher war es mühsam genug. Also beginnen wir zu klettern. Die Felsen sind so zerklüftet, dass es einfach ist Griffe und Tritte zu finden. Eine echte Absturzgefahr besteht auch nicht. Die Fallhöhe ist überschaubar, sonst würden wir das Risiko nicht auf uns nehmen. Wir haben Familie und wollen das Belohnungsbier noch trinken, bevor wir abtreten. In der Annahme, dass sich der Weg über uns weiterschlängelt, überwinden wir den ersten Felsabsatz. Das geht gut, aber vom Pfad ist nichts zu sehen. Wir bleiben stur und klettern weiter.



Ein Moment der Panik
Erst als ich eine höhere Felsnase besteige, bekomme ich kurz Panik. Ich hatte dahinter eigentlich ein Plateau erwartet, stattdessen geht’s einige Meter hinunter. Zusammen mit dem weitreichenden Blick ins mehrere hundert Meter unter uns liegenden Flussbett, wird mir für einen Augenblick schlecht. Ich tendiere zu Höhenangst, befinde mich also nicht in der besten Position. Hendrik bahnt sich einen Weg um die Felsnase und mein Gefühl normalisiert sich. Ich fasst Mut und ich hocke mich auf den Grat, finde dann sogar einen Weg auf ein Plateau. Geht doch.
Gut, dass wir über uns selber lachen können. Wir sehen in einiger Entfernung immer wieder Menschen auf einem Aussichtspunkt. Inständig hoffen wir, dass uns umgekehrt keiner von denen sieht. Die müssen uns für leicht bescheuert halten. Fehlt eigentlich nur noch, dass wir in Sandalen unterwegs sind. Das Brüllen von Motorrädern lässt uns zumindest wissen, dass sich die Straße oberhalb von uns befinden muss. So verkehrt können wir also nicht sein.
Die Schöne der Seite der Kletterei ist, dass wir mit spektakulären Blicken über den Torrent de Lluc und auf den s’Entreforc belohnt werden. Majestätisch kreisen Geier über der Schlucht. Dieser Anblick berührt mich so sehr er mich fasziniert.



Den kleinen Trampelpfad finden wir wenig später wieder. Feldsteinmauern begrenzen kleine Felder oder Weiden rechter Hand, halbwilde Ziegen haben es sich unter Eichen bequem gemacht. Dann sind wir unvermittelt auf dem Parkplatz. Eine Stunde haben wir aus dem Bachbett hier herauf gebraucht, fünfeinhalb Stunden insgesamt bis wir unser Auto erreichen. An einem Kiosk halten wir kurz an, um auf das eindrucksvolle Erlebnis anzustoßen. Ich bin ganz aufgekratzt, von dem, was ich in den zurückliegenden Stunden mit allen Sinnen genießen, mir erarbeiten durfte. Es ist ein beglückendes Gefühl.
Bier im Kies
Wir lassen es uns nicht nehmen, noch einmal zur Mündung des Torrent de Pareis zu gehen, sobald wir das Auto auf dem Parkplatz in Sa Calobra abgestellt haben, nehmen uns an einem Kiosk ein Bier mit (5,50 €!) und setzen uns mit Blick auf das Meer in den Kies. Es ist Nachmittag und der Strand nun gut besucht. Wir sehen einige der Wanderer wieder, die uns auf dem Weg die Schlucht hinab entgegen kamen. Auch ohne Badesachen lasse ich es mir nicht nehmen mit Funktionshose, kurz ins Meer zu springen, da bin ich wie ein Kind. Das Salzwasser ist erstaunlich warm und brennt nur kurz in den ungezählten Schnitten auf meinen Beinen. Die Wellen rollen durch die schmale Öffnung in den Felsen auf den Strand aus Flusskieseln, die der Torrent de Pareis hier abgeladen und die durch das Meer zu einem kleinen Wall aufgetürmt wurden.



Irgendwann müssen wir los. Die Familien warten in der Finca und der Rückweg ist lang. Es fällt mir schwer, mich von diesem Ort loszureißen, der so gar nicht so zu meinem Bild von Mallorca passt. Es ist einer der außergewöhnlichsten, die ich je erlebt habe und umso glücklicher, dass ich so unverhofft und unvorbereitet in dieses Abenteuer hineingezogen worden bin. Hendrik, dafür bin ich mehr als nur die 5,50 € für die Pennergranate schuldig!





Toller Bericht! Was für ein Erlebnis. Ich brauchte dennoch 2 Anläufe es zu lesen, weil ich zwischendurch eingeschlafen bin. Muss an der Uhrzeit gelegen haben.
Die Pennergranate war so teuer wie nötig. Immer wieder gern! 😉