Das Geräusch des prasselnden Regens, der auf die Schindeln über mir prallt, hat mich geweckt. Mein Bett ist ein gemütliches Refugium auf einer Empore direkt unter dem Dach. Wie einfach wäre es, liegen zu bleiben und den Tag zu verschlafen. Doch heute habe ich Großes vor, nichts weniger, als das ambitionierteste Laufprojekt, dem ich mich je gestellt habe.
In weniger als drei Tagen will ich den Fishermen’s Trail von Sao Torpes nach Lagos an der Algarve im Süden Portugals laufen – 225 km und einige Tausend Höhenmeter. Seit einigen Tagen liegt die Bestzeit für diese Strecke bei 2 Tagen und 11 Stunden. Das zu unterbieten, wäre ein Nebenziel. An oberster Stelle steht ankommen und genießen.
Ein Uber bringt mich in der Dunkelheit zum Startpunkt am Strand von Sao Torpes, einige Kilometer außerhalb von Sines, wo ich die Nacht verbracht habe. Es regnet heftig. Die Fahrerin fühlt sich zu einem ironischen Kommentar verleitet in Anbetracht der Umstände, unter denen ich mich aufmache. „Yeah, nice weather!“, gebe ich zur Antwort und steige direkt in eine Pfütze.
Start mit Gegenwind
Die ersten Schritte könnten kaum mühsamer sein. Der Shake-out-run gestern Abend fühlte sich noch leicht und locker an, wobei mein Puls auch da bereits bedenklich weit nach oben schoss. Erkältung vielleicht oder der langen Anreise geschuldet. Das ist aber nicht der Grund, warum ich mit Handbremse laufe. Wind und Regen peitschen mir ins Gesicht und die Last der großen Aufgabe scheint mich erdrücken zu wollen. Mehr Skepsis als Euphorie. Dazu kommen familiäre Probleme, die mich aus Deutschland begleitet haben und mich nicht loslassen.
Mit dem heraufdämmernden Tageslicht hebt sich meine Stimmung ein wenig. Extra für den Lauf hatte ich mir Hiking-Stöcke aus Carbon besorgt. Ich konnte mich von meinem letzten Lauf auf dem Fishermen’s Trail noch gut an die anspruchsvollen Dünen und Klippen erinnern. Die Straße erfordert keinen Stockeinsatz, aber ich brauche sie für mein Gefühl. Die verlassenen Hütten entlang der Route sehen so aus, als könnten sich hier streunende Hunde herumtreiben, die ich notfalls mit den Stöckern in Schach halten könnte.
Schnell bin ich schon auf den ersten Kilometern nicht, niemals unter sechs Minuten pro Kilometer. Entscheidender ist dauerhaft vorwärts zu kommen. Nicht mehr als vier Kilometer sind seit dem ersten Schritt zurückgelegt, da treffe ich auf die erste Überflutung. Der Dauerregen der letzten Wochen hat einen Bach geschaffen, der ins Meer mündet. Erfolglos suche ich einen alternativen Weg, ziehe dann Schuhe und Socken aus und quere das Wasserhindernis.
Die drei ??? und das Rätsel der verschwunden Kilometer
Zehn Minuten später das gleiche Bild, der Strand ist überspült vom Wasser, das aus den Wiesen in Feldern links vom Strand abfließt. Schon auf meiner Fahrt von Lissabon nach Sines hatte ich einen Eindruck vom Ausmaß der Überflutungen gewonnen. Praktisch in jeder Senke und Mulde hatte sich Regenwasser gesammelt, tiefliegende Gebiete waren teilweise vollständig überflutet. Ich hatte ein denkbar schlechtes Wetterfenster erwischt für mein Unterfangen.
Diese Episoden brauchen jedes Mal eine gewisse Zeit und verlangsamen mein Vorankommen noch mehr. Es ist ein wahrer Stotterstart und mental bin ich auch nicht auf der Höhe. Es sind noch weit mehr als 200 km auf meiner Uhr und die Distanz wird im Schneckentempo kleiner. Wobei die Uhr weniger Restkilometer anzeigt als ich erwarte, zehn weniger. Ich verstehe es nicht, aber falsch abgebogen sein kann ich nicht. Damit aufhalten will ich mich nicht, wo das „Ziel“ doch noch so weit entfernt ist. Andererseits: Wäre auch unglaublich dumm, wenn ich am Ende einen Fehler gemacht hätte und die Zeit nicht anerkannt würde. Aufklären werde ich das Verschwinden nie. Ein Fall für die drei ???.



Schon ohne Detektivarbeit habe ich genug Probleme. Allein heute stehen noch 80 km bis nach Odeçeixe auf dem Plan. Dort habe ich ein Apartment für die Nacht. Selbst das ist noch unglaublich weit weg, gerade bei diesem Wetter. Junge, was habe ich mir da eingebrockt! Die 10 km der ersten Etappe von Sao Torpes nach Sines hatte ich als lockeren Auftakt betrachtet, jetzt geben sie mir einen guten Eindruck davon, was die nächsten zwölf Stunden auf mich wartet. Wie um das zu untermalen, klatscht mir ein Batzen Gischt ans Ohr und löst sich knisternd auf. Der Wind lässt Schaum schneien.
Erinnerungen an besseres Wetter
Auf höher gelegenen Wegen komme ich kurz vor Porto Covo endlich besser vorwärts und bin plötzlich drin in meinem Lauf. Die kleine Stadt war der „Stützpunkt“ für meinen letzten Lauf auf einem Teilstück des Fishermen’s Trail und ist mit zahlreichen positiven Erinnerungen verbunden. Erinnerungen an einsame Strände, zerklüftete Klippen und herrliches Frühlingswetter. Eine hüfttiefe Wasserlache holt mich aus meinen Erinnerungen ins hier und jetzt zurück. Rechts komme ich nicht vorbei, hier ergießt sich das Wasser als Sturzbach über eine kleine Klippe ins Meer, durchwaten ist auch keine Option, wenn ich nicht baden gehen möchte.
Ich zwänge mich durch eine Lücke im Stacheldraht neben mir und suche auf der Wiese nach einer Stelle, an der ich halbwegs trockenen Fußes über den Bach komme. Keine Chance. Frustriert kehre ich auf den Weg zurück, begutachte noch einmal den Tümpel, komme aber zum gleichen Ergebnis. Hier komme ich nicht durch. Umkehren oder übers Feld? Ich entscheide mich fürs Feld, es muss doch möglich sein, hier halbwegs vernünftig rüber zu kommen! „Ist es nicht!“, schreie ich in den Wind, entscheide dann, komplett darauf zu scheißen und latsche durch das Wasser, das mir locker bis an die Waden reicht. Schuhe und Socken sind spätestens jetzt vollständig durchnässt.
Der Ort, den ich so verträumt in Erinnerung habe, ist wie leergefegt. Bei dem Regen geht niemand freiwillig aus dem Haus. Cafés, Restaurants und Geschäfte haben noch geschlossen und die Stadt wirkt trist und verlassen. Trotzdem bin ich wieder oben auf, spüre erstmals Euphorie. Trotz der Widrigkeiten habe ich noch immer das abstrakte Ziel, eine neue Fastest Known Time aufzustellen und mache deswegen einen eigentlichen unnützen Schlenker zum Busbahnhof, um auf gleichem Weg die Stadt wieder zu verlassen.
Kein Wetter für Feiglinge
Ich ahne schon, dass die Durchquerung des Hafens ein Problem werden könnte und behalte recht. Inzwischen ist es aber schon fast egal. Auf ein bisschen mehr Wasser kommt es nicht an und ich mache mir nicht mal die Mühe, Schuhe und Socken abzustreifen. Genauso wie am auffällig schwarzen Praia do Pessegueiro, den ich nur über ein weiteres Rinnsal erreichen kann.
Der Wind peitscht Sandpartikel schmerzhaft auf meine ungeschützte Haut an Beinen und Gesicht. Das ist kein Wetter für Feiglinge heute. Ehe ich den Strand an der Ruine Forte de Nossa Senhora da Queimada verlasse, stapfe ich durch eine Ansammlung von Schaum, die im Wind lebendig zittert. Die Konsistenz erinnert an Rasierschaum und muss ein durch den Sturm hervorgerufenes Phänomen sein. Wenigstens komme ich jetzt konstanter voran. Die langen, sandigen Wege, die mich vor zwei Jahren viel Kraft gekostet haben, sind durch den Regen verdichtet und besser zu bewältigen. Man muss nur das Positive sehen!
In diesem Sinne haben mich die ersten zehn Kilometer auch nur gut vorbereitet auf die Brücke, die vollständig unter Wasser steht. Das Geländer ist zur Hälfte weggerissen und die Strömung dementsprechend stark. Mithilfe der Stöcke und des Geländers komme ich fast schon routiniert auf trockenes Gelände und entere die Dünen.
Ein einzelner Blitz
Verglichen mit dem hinter mir liegenden Weg, sind die Dünen einfaches Gelände. Der Wind bläst zwar weiterhin erbarmungslos, aber wenigstens ist das Gelände so hoch gelegen, dass sich hier keine Wasserläufe gebildet haben. Ich komme vergleichsweise gut vorwärts mit Zeiten von konstant um die zehn Minuten pro Kilometer. Es ist in etwa die Pace, mit der ich als Minimum geplant habe, um nicht zu lange in der Dunkelheit laufen zu müssen.
An das wütende Brüllen des Windes und das Klatschen der Wellen an die Klippen habe ich mich über die Stunden bereits gewöhnt, als ich von einem weiteren Geräusch in Angst versetzt werde. Mein Blick ist zum Schutz vor dem scharfen Wind meist zu Boden gerichtet, deswegen nehmen ich nur aus den Augenwinkeln ein Leuchten wahr. War das ein Blitz? Ein gewaltiger Donner erschüttert die Luft und fährt mir durch Mark und Bein. Ein Vogelschwarm flieht in Panik aus den Klippen. Verängstigt blicke ich mich um. Wenn jetzt ein Gewitter einsetzt, bin ich geliefert. Auf den Dünen gibt es keinen Schutz. Schlimmer noch, ich bin hier der höchste Punkt, der Blitzableiter. Das ist wirklich Angst einflößend.
Über mir wütet Sturmtief Marta, das die Hochwasserlage in Teilen Portugals noch verschärft und immense Schäden verursacht. Täglich hatte ich die Wetterberichte überprüft, mehrmals. Von schlechtem Wetter mit Regen und starken Böen hatte ich gelesen, aber das mit Marta muss sich kurzfristig ergeben haben. Oder habe ich es einfach überlesen? Es ist wahrscheinlich gut, dass ich nicht von den Warnungen gelesen habe: Für heute wurde die zweithöchste Warnstufe ausgerufen und an der Küste vor bis zu 13 Metern hohen Wellen und orkanartigen Windböen gewarnt.
Mit dem Donner im Ohr, entweicht mir ein seltsamer Laut der Frustration. Nein, es ist ein Ausdruck von Angst. Im aberwitzigen Versuch, der Naturgewalt zu entkommen, beschleunige ich meinen Schritt. Wenn ich Vila Nova do Milfontes erreiche, kann ich Unterschlupf finden. Ich erinnere mich an das kleine Restaurant zwei Kilometer außerhalb der Stadt. Das würde schon genügen. Bange Minuten vergehen, doch es bleibt bei dem einzelnen Blitz und ich beruhige mich wieder.
Deutsch, deutscher – Kartoffel
Jetzt kann ich mich wieder auf den Weg konzentrieren. Der ist hier besonders schön und spektakulär. Am Fuße der hohen Klippen, auf denen ich mich nach Süden arbeite, rollen die Wellen des Atlantiks, die Dünen ziehen sich endloser Reihe. Es ist eine eigentümliche Landschaft, einzigartig. Es ist – Extremwetter hin oder her – besonders hier zu sein.
Es ist bereits Mittag als ich in Vila Nova do Milfontes ankomme. Das hat länger gedauert als geplant. Aber ich bin da, das zählt. In einem Supermarkt hole ich schnell eine Dose Cola, eine Dose Sprite. Das wird mein Ding werden für die nächsten Stunden. Ich spüre, dass ich Hunger habe und hole eine Kartoffel aus meinem Rucksack. Sag mir, dass du Deutsch bist, ohne zu sagen, dass du Deutsch bist.
Mental bin ich in einem seltsamen Hängezustand. Den Ort erreicht zu haben, gibt mir Auftrieb. Gleichzeitig kann ich noch immer nicht so richtig ans Ankommen glauben. Weitermachen ist in diesem Fall die beste Idee. Wenn ich den Zweifeln immer einen Schritt voraus bin, dann holen sie mich vielleicht nie ein. Außerdem geht’s mir doch blendend verglichen mit meinen letzten Erinnerungen an Vila Nova do Milfontes. In umgekehrter Richtung unterwegs hatte ich hier über 50 km hinter mir und war richtig runter mit der Bereifung. Positiv bleiben!
Auch nasses Geld ist gutes Geld
Auf der Brücke über den Rio Mira pfeift mir noch einmal der Wind so um die Ohren, dass ich mich anlehnen kann. Dann legen Wind und Regen eine Pause ein. Es ist das erste Mal heute, dass ich anderen Hikern begegne. Sie haben das Wetterfenster genutzt. Mit einem Trio englischer Frauen wechsle ich kurz ein paar Worte. Sie sind den dritten Tag unterwegs und sichtlich beeindruckt, dass ich an einem Morgen gelaufen bin, wofür sie zwei Tage gebraucht haben. Sie seien „three leisure ladies“. „But you are running?“ Halb und halb gebe ich als Antwort, was nicht wörtlich zu nehmen ist. Ein Laufanteil von einem Drittel wäre schon gut. Mit dem Wetter hellt sich endgültig auch meine Stimmung auf. Ich weise die drei Damen auf den blauen Schimmer am Himmel hin – sie freuen sich über meine positive Art. Wenn die wüssten, was ich heute schon für Tiefen ausgelotet habe.
Mein nächster Fixpunkt auf der Tagesetappe nach Odeçeixe ist das 15 km entfernte Almograve. Der Fishermen’s Trail hat hier ein anderes Gesicht. Nicht mehr Klippen und Sand dominieren. Es geht jetzt auch abseits des Meeres durch eine ländlichere Gegend mit Bäumen, Schilfgürteln und Feldern, vorbei an Hügeln, die von mediterraner Macchie bewachsen sind, und kleinen Flussläufen. Das ist abwechslungsreich und weniger anstrengend als sich über die sandigen Dünen fortzubewegen, die nach einem Drittel der Etappe wieder das Bild bestimmen. Traumhaft sind die Blicke auf einige der schönsten und entlegensten Buchten seit meinem Start in Sao Torpes.


Insbesondere am Ende der Etappe laufe ich längere Abschnitte und schaffe so einige Kilometer in einem 7er-Schnitt. Das ist für heutige Verhältnisse geradezu rasant und so langsam komme ich ins Schwitzen. Feuchtigkeit in anderer Form. Die beiden Dosen (Sprite und Cola), die ich in einem Mini Mercado kaufe, reichen nicht, um das Minimum für die Kartenzahlung zu erreichen. Aus meiner wasserdichten Tasche krame ich einen Schein, der klamm ist. So viel dazu. Wasserdicht ist ein dehnbarer Begriff. Aber auch nasses Geld ist gutes Geld. Anders ausgedrückt: Den Verkäufer schert es nicht.
Wasserfälle, die aufwärts fließen
Den Abschnitt hinter Almograve kenne ich noch nicht, weil ich damals unfreiwillig querfeldein lief. Verpasst habe ich nicht viel. In Nullkommanichts habe ich die beiden Dosen geleert und artig in Mülleimern entsorgt. Obwohl es teilweise leicht bergauf geht, laufe ich immer wieder, auch längere Abschnitte. Wobei „lang“ relativ ist. Wohl wegen meines „atemberaubenden“ Tempos verpasse ich eine Markierung und nehme nach fast genau 50 km eine Straße zu einem kleinen Fischerhafen. Ich halte ihn fälschlicherweise für den Hafen von Entrada da Barca, aber der Weg ist eine Sackgasse und besagter Ort noch 15 km entfernt, hinter dem Cabo Sardão.
Cabo Sardão mit seinem auffälligen Leuchtturm ist mein Zwischenziel auf der insgesamt 21 km betragenden Etappe von Almograve nach Zambujeira do Mar. So weit werde ich es heute machen, das habe ich mir nun fest vorgenommen. Der Leuchtturm halbiert die Etappe fast exakt. Perfekt zum Verkleinern der Distanz. Noch hilfreicher sind laufbare Abschnitte, die auf den fünf Kilometern bis Cavaleiro immer wieder vorzufinden sind.


Der kleine Ort liegt direkt am Cabo Sardão und ich weiß genau, wohin ich muss. Der Mini Mercado im Zentrum war vor zwei Jahren meine Rettung und ist auch heute willkommener Zwischenstopp. Ich esse weniger als ich müsste und die obligatorischen zwei Dosen süßer Brause sind hilfreich in doppelter Hinsicht. Als Lieferant von Flüssigkeit und Quelle von Zucker. Für ein Wunder taugt es nicht, aber es hält mich am Laufen.
Die Steilküste südlich des Kaps ist bemerkenswert schön und gut laufbar. Wenig technische Herausforderungen und man muss nicht permanent darauf achten, wohin man tritt. Die Sonne tut gut, trocknet meine Kleidung, auch das ist nicht zu verachten. Das Wasser indes ist allgegenwärtig, steht in Pfützen auf dem Weg, stellenweise haben sich kleinere Wasserfälle gebildet, wo sich das Stauwasser des gesättigten Bodens über die 70 m hohen Felskanten ins Meer ergießt. Wenn es nicht vorher vom Wind erfasst wird. Die Böen verwandeln das fallenden Wasser in Fontänen. Es hat den Anschein, als würden die Wasserfälle aufwärts fließen. Sachen gibt’s!
Ein alter Bekannter
Sehr Steil ist der Abstieg in den kleinen Fischerhafen, in dem ich mich schon vor Stunden wähnte. Winzige Orte wie Entrada da Barca sind in ihrer authentischen Nüchternheit symptomatisch für den Fishermen’s Trail sind. Zwischen Zamujeira do Mar und mir liegen nur noch drei Kilometer. Es ist einer der wenigen asphaltierten Abschnitte auf der gesamten Etappe. Vorher aber wartet noch ein alter Bekannter auf mich. Schon als ich auf die steile Rampe komme, die aus dem Hafen herausführt, habe ich eine ungute Vorahnung, die sich aus der Erinnerung an meine letzte Begegnung speist.
Wie vor zwei Jahren liegt ein respektabler Hund ohne Leine auf dem Weg. Der Besitzer ist gerade im Haus verschwunden, ein Auto davongefahren. Beides hätte mir geholfen, mit meiner Hundeangst besser umzugehen. Jetzt muss ich alleine an dem Tier vorbei, das mich damals fast entmutigt hat und mir ein paar zusätzliche Kilometer bescherte. Könnte es einen Schleichweg hinter den Hütten geben? Möglich, aber in den Hinterhöfen fremder Menschen herumzuschleichen war noch nie eine brauchbare Idee. Hier werden heute bestimmt schon andere Hiker durchgekommen sein. Und entweder hat Hundi die ungerührt passieren lassen oder einen von denen gefressen. In beiden Fällen kann ich ungefährdet passieren.
Um Gelassenheit bemüht, den Blick stur nach vorne gerichtet, gehe ich schicksalsergeben los. Und dann passiert es! Der Hund schläft vor Langeweile ein, nimmt von meiner Mutprobe nicht einmal Notiz und straft mich mit Ignoranz. Mir ist es egal, ich bin vorbei und froh, meine Hundephobie im Zaum gehalten zu haben. Extreme Ausdauerleistungen wie heute bringen mich ab einem gewissen Punkt in einen Zustand, in dem ich eine gesunde „Scheißegal“-Einstellung habe. Könnte eine interessante Strategie für schwierige Entscheidungen sein.
Nach 65 km mutiere ich zum Spitzenläufer
Wie geplant beginne ich entlang der Straße zu laufen. Fühlen sich die ersten Schritte noch ungelenk an, finde ich mit jedem Schritt, den ich durchhalte, immer mehr einen Rhythmus, der sich gut anfühlt und gar nicht mal so langsam ist. In einer 6er-Pace laufe ich volle zwei Kilometer am Stück, es sind die Kilometer 66 und 67! Es grenzt für mich an ein Wunder. Woher die Energie dafür kommt? Ich weiß es nicht. Würde das Gelände es zulassen, ich würde weiterlaufen.
Zehn Minuten später beende ich gegen 17:30 Uhr auch Etappe vier. Für eine Stunde habe ich noch Tageslicht, dann beginnt die Dämmerung. Und für den Notfall habe ich auch noch die Stirnlampe von heute Morgen. Trotzdem muss ich mich selbst überzeugen. Frisch bin ich schon lange nicht mehr, wenn ich es heute je war. Aber die zwei Kilometer gerade, die ich wie ein Äthiopischer Spitzenläufer die Straße entlang gesprintet bin, befeuern mein Durchhaltevermögen.
Der Ort hat sich schon bereit gemacht für die Nacht, so scheint es. Unbedingt brauch ich noch einen offenen Laden, in dem ich mich mit weiteren Getränken versorgen kann. Ausgerechnet in einem kleinen Laden für Feinkost werde ich fündig. Mitgenommen wie ich bin, fühle ich mich hier maximal deplatziert. Dieses Mal ernte ich für mein feuchtes Geld einen überraschtes Lachen und einen Kommentar, den ich nicht verstehe. Dann verlasse ich den Ort gen Süden nach Odeçeixe.
Der Inbegriff des Fishermen’s Trail
Den kleinen Wasserlauf am Praia dos Alteirinhos am Ortsausgang kann ich viel leichter überwinden als gedacht. Im Vorfeld hatte ich gelesen, dass sich hier ein reißender Sturzbach gebildet habe. Glück gehabt. Sowieso kann ich mich glücklich schätzen mit dem Wetter. Seit Mittag ist es trocken und sonnig. Mit seinen hohen Klippen und einsamen Buchten ist dieser 19 km lange Abschnitt mit für mich der Inbegriff des Fishermen’s Trails.
Es ist aber auch ein anspruchsvoller Abschnitt. Von allen fünf Etappen, die ich heute auf dem Plan stehen hatte, sind nur zwei mit dem Attribut „schwer“ klassifiziert, die 15 km von Milfontes nach Almograve und eben diese nach Odeçeixe. Grund dafür sind die vielen Höhenunterschiede, die man auf der Etappe überwinden muss. In jeder Buch klettert man die steilen Klippen herab- und auf der anderen Seite wieder herauf. Ein Weg ist (in der Dämmerung) nicht immer sofort zu erkennen und erfordert schon bei Tageslicht Konzentration.
Trotzdem bleibt die Lampe sehr lange im Rucksack. Mein Kopf ist so müde, dass mir die Aufgabe zu mühsam erscheint, obwohl ich objektiv weiß, dass es vernünftig wäre und nicht mal eine Minute dauert. Vielleicht halluziniere ich auch schon, sehe Strauße und Lamas hinter einem Zaun, an dem ich mich im Zwielicht vorbei quetsche, als der Weg gerade mal abseits der Klippen verläuft. Was, wenn die Lamas sich jetzt bedroht fühlen, weil ich da wie ein Raubtier halb geduckt am Zaun entlang schleiche? Die spucken mir am Ende noch in die Visage!
Ein Zelt im Dunkel
Zurück an der Küste wird es wirklich Zeit für Beleuchtung. Ich habe keine Chance mehr die Markierungen zu erkennen und ganz bestimmt keine Lust auf einen Fehltritt, der im schlimmsten Fall in einen 70 m tiefen Sturz in den Atlantik mündet. Mit Licht am Helm ist die Gefahr eines Sturzes nicht gebannt, aber ich minimiere das Risiko. Unbeschadet erreiche ich einen schon seit wegen Erdrutschgefahr gesperrten Bereich, der weiträumig umgangen werden muss. Schon 2024 nutzte ich die offizielle Umleitung durchs Landesinnere.
Im dichten Buschwerk reflektiert etwas im Schein der Stirnlampe. Wer jemals im Dunkeln laufen war, kennt das Phänomen. Vor allem Tieraugen reflektieren das Licht bestens, sind es in diesem Fall aber nicht. Ich muss schon ganz dicht herankommen, bis mein Verstand in dem Schemen etwas Vertrautes erkennt. Jemand hat im Schutz der Küstenvegetation sein Zelt aufgeschlagen. Das ist nicht erlaubt, aber heute wird das wohl keiner kontrollieren. Selbst in meinem erschöpften Zustand ist der Gedanke an einer Nachtlager hier draußen nicht einladend. Wer kann schon sagen, wie die Nacht wird? Bei Starkregen oder gar Sturm möchte ich hier nicht auf den Schutz hauchdünner Stoffbahnen angewiesen sein. Mein Ziel heißt weiter Odeçeixe.
Oder einfach nur weitermachen? Ehrlicherweise eher Letzteres. Ich höre nur einfach nicht auf mich fortzubewegen. Das mache ich schon den ganzen Tag so und bin beachtlich weit gekommen, kann mir aber noch immer nicht konkret vorstellen, in Odeçeixe anzukommen. Hilfreich wäre, wenn ich die exakte Distanz bis dorthin wüsste. An meiner Uhr kann ich die heute zurückgelegten Kilometer und die Restdistanz nach Lagos ablesen. Der Restdistanz traue ich aber nicht, seit heute Früh zehn Kilometer verschwunden sind. Andernfalls könnte ich relativ sicher errechnen, was mich noch von einer Dusche und einem Bett trennt.
Noch einmal verstummen die Zweifel
Um Gewissheit zu erlangen, hilft nur weiterlaufen. Das Zelt bleibt in der Dunkelheit zurück. Und schon wieder funkelt’s im Dunkeln. Dieses Mal sind es Augen und der dazugehörige Hund kläfft. Ich kann ein Grundstück ausmachen und bin überzeugt, dass der Hund hinter einem Zaun ist. Trotzdem nähere ich mich vorsichtig, bis ich Gewissheit habe. Sicherheit gibt mir, dass ich notfalls über den Zaun rechts von mir hüpfen und eine Barriere zwischen mich und den Hund bringen könnte. Meine Vermutung bestätigt sich, der Hund ist gut verwahrt und ich habe 76 km geschafft.
Für einen kurzen Moment führt die Umleitung nun auf einer Straße entlang. Insgeheim hatte ich mir dies auf den letzten Kilometern als möglichen Ausstiegspunkt offen gehalten. Hier an der Straße könnte ich mich von einem Uber abholen lassen. Stattdessen laufe ich langsam weiter und überwinde mich sogar von der Straße abzubiegen, um über einen schlammigen Wirtschaftsweg zurück zur Küste kommen. Noch einmal ist es mir geglückt, die Stimmen des Zweifels zum Verstummen zu bringen. Über mir sind Sterne zu sehen und rechts rauscht der Ozean. Eine viel zu friedliche Kulisse für meinen inneren Kampf.
Mithilfe meines Handys versuche ich mir einen Eindruck vom Rest der Strecke zu verschaffen. Das Scrollen bis zum Ort „fühlt“ sich weit an, aber Azenha do Mar ist greifbar. Ich hatte ganz vergessen, dass sich zwischen Zambujeira do Mar und Odeçeixe noch ein Ort befindet. Stur folge ich weiter dem Fishermen’s Trail, durch zerklüftetes Gelände erst, dann näher am Ort auf Asphalt. Es ist eigentlich nur noch eine Karikatur des Laufens, aber es reicht, um mich dem Ort wenigstens etwas schneller zu nähern.
Der Kipppunkt ist erreicht
Dann ist es aus. Kein großer Knall, kein Drama. Im Licht der Laternen sind plötzlich einfach die Gedanken ans Aufhören übermächtig, einfach so. Es ist eine Grenze überschritten. Hier zu stoppen ist bequem. Das spielt gewiss eine entscheidende Rolle. Das warme Licht der Straßenlaternen, ein kleines Restaurant, mich nicht allein in der Dunkelheit zu fühlen – das übt einen Sog auf meinen erschöpften Verstand aus. Wieder hinaus in die Dunkelheit zu treten und den Schutz des kleinen Ortes zu verlassen, bringe ich nicht über mich. Das ist der eine Kampf, den ich heute nicht gewinnen kann. Dabei bräuchte es nichts, als einen Schritt in die Dunkelheit. Dann würde auch dieser Augenblick vergehen.
Aber ich habe eine Entscheidung gefällt und setze mich auf eine Bank. Es ist zu einfach, mich hier von einem Uber abholen zu lassen. Bevor ich mich doch noch umentscheide, stoppe ich die Uhr, besiegle das Ende. Dass damit mein FKT-Versuch schon am ersten Tag beendet ist, juckt mich kaum. Es dominiert Stolz. Noch nie habe ich ein so große Distanz an einem Tag bewältigt – es sind fast 80 km. Die Leistung gilt umso mehr, weil die Bedingungen in den ersten Stunden miserabel waren. Es ist nicht der Zeitpunkt für Bedauern, ich bin mehr als zufrieden über mich hinausgewachsen zu sein und den Widrigkeiten getrotzt zu haben.
Der Fahrer des Ubers ist redselig. Es ist in meinem Aufzug offensichtlich, dass ich zur Fraktion der Hiker gehöre. Als ich berichte, dass ich heute Morgen in Sao Torpes gestartet bin, fällt der Mann aus allen Wolken. Er sei selbst Läufer und habe letztens im Rahmen eines Wettkampfes auf dem Fishermen’s Trail 15 km in eineinhalb Stunden geschafft. Das sei schnell, merke ich ohne Hohen an. Der Fahrer lacht tonlos auf, 80 km in 13 Stunden, das ist schnell! Rech hat er, mir fällt keine Antwort ein als zu schweigen.
Morgen ist Ruhetag!
Ich werde fast unmittelbar vor meinem Apartment abgesetzt. Aber selbst das scheint nicht nah genug zu sein. Auf der kurzen Fahrt bin ich komplett steif geworden und kann die ersten staksigen Schritte nur mit Mühe machen, mein linkes Knie schmerzt. Beides – Steifheit und Schmerz – nehmen nach wenigen Schritten ab. Trotzdem will ich mich endlich hinsetzen, folge dann aber einem Impuls und steuere direkt die kleine Taverne auf der anderen Straßenseite an.
Wenn ich mir jetzt nicht etwas zu essen besorge, schaffe ich das heute vielleicht gar nicht mehr. Kaum betrete ich den Gastraum höre ich ein entschiedenes „no“, der Rest des Satzes kommt gar nicht richtig bei mir an. Für einen kurzen Moment bin ich sicher, dass ich in dem Aufzug nicht ins Restaurant gelassen werde, das scheint mir sogar ganz einleuchtend.
Aber nichts dergleichen, ich soll einfach die Tür offen lassen, die hat außen keinen Griff. Natürlich werde ich nicht abgewiesen, Vögel wie mich kennen die bestimmt schon. Weil die vegetarischen Optionen auf der Karte überschaubar sind, ist meine Bestellung schnell platziert: Käse-Omelett, Pommes und Oliven, die ich auf der anderen Straßenseite auf dem Bett liegend esse. Die Dusche hat mich nicht erneuert, aber wieder einen Mensch aus mir gemacht. Meine Ausrüstung habe eher achtlos hier und da liegenlassen. Morgen mache ich nicht weiter, Körper und Kopf brauchen eine Pause.

Es ist schade, weil ich mich auf dieses Abenteuer so gefreut habe, aber alternativlos. Die Bedingungen waren brutal und ich brauche mir nichts vorzuwerfen. Einen Versuch war es wert. Ich schreibe meiner Frau von meinem Entschluss, der erste Tag auf dem Fishermen’s Trail wird auch der letzte sein.
Tag 2: Zurück auf dem Trail: Zwischen Flow und Frust – Tag 2 auf dem Fishermen’s Trail
Tag 3: Das Abenteuer meines Lebens – Tag 3 auf dem Fishermen’s Trail










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