Wettkampfberichte

Fastest Known Time auf dem Fishermen’s Trail

Brandung! Ich höre das Rauschen der Wellen, die sich vor dem Strand von Odeceixe brechen. Einen steinigen Anstieg später kann ich von der Höhe der Klippen das Meer in all seiner morgendlichen Schönheit sehen. Der Anblick euphorisiert mich. Freude überkommt mich angesichts meines Vorhabens den Fishermen’s Trail von Odeceixe nach Porto Covo zu laufen. 75 km entlang der portugiesischen Atlantikküste.

Der Strand bei Odeceixe - Start auf dem Fishermen's Trail
Der Strand bei Odeceixe – Start auf dem Fishermen’s Trail

Trilho dos Pescadores heißt der Wanderweg in der Landessprache und gilt als einer der schönsten Europas. Er folgt den winzigen Wegen, die von den Portugiesen genutzt werden, um zum Strand zu kommen. Oder eben von den Fischern – daher der Name. Heute ist der Weg Teil eines verzweigten Netzes von Wanderwegen, der Rota Vicentina. Der Fishermen’s Trail selbst erstreckt sich mit allen angeschlossenen Rundwegen über mehr als 220 km.

Ein Gefühl von Freiheit

In diesem Augenblick auf den windumtosten Klippen, erstmals den Blick aufs Meer gerichtet, geht mir ein Zitat durch den Kopf:

„Ich merke, dass ich so aufgeregt bin, dass ich kaum still sitzen oder einen klaren Gedanken fassen kann. Ich glaube es ist eine Erregung, die nur ein Mensch der frei ist nachempfinden kann. Ein freier Mann, der am Anfang einer langen Reise steht, deren Ende noch ungewiss ist.“

Morgan Freeman als Ellis Boyd „Red“ Redding in „Die Verurteilten“ von Stephen King

Mit dem Gefühl von Freiheit genieße ich diese ersten Kilometer mit jedem einzelnen Schritt. Sie sind der Auftakt einer langen, ungewissen Reise, der Beginn eines kleinen Abenteuers. Unterteilt ist der Fishermen’s Trail in vier Tagesetappen von ungefähr 20 km Länge, sie bilden den Kern des Fischerpfades, sind der ursprüngliche Weg. Auf der Süd-Nord-Route führt der Wanderweg über Zambujeira do Mar, Almograve und Vila Nova de Milfontes bis nach Porto Covo, wo ich seit gestern in einem bezaubernden Hostel unruhig dem Lauf entgegen gefiebert habe.

Weil ich nicht ausreichend Verpflegung für die vor mir liegenden Stunden tragen kann, habe ich auf der der Fahrt nach Odeceixe zwei Beutel mit Getränken und Gels abgelegt. Den ursprünglichen Plan, die Beutel gleich auf der Fahrt vom Flughafen nach Porto Covo abzulegen hatte ich aufgegeben. Zu stressig und es hätte ein größeres Verlustrisiko bestanden für die Beutel, denen noch besondere Bedeutung zukommen würde. Die erwartete Höchsttemperatur liegt für heute bei 20 °C. Ich rechne mit größerem Schweißverlust, eine gewisse Neigung dazu habe ich.

Im Hochgefühl entlang der Klippen auf dem Fishermen's Trail
Im Hochgefühl entlang der Klippen auf dem Fishermen’s Trail

Majestätischer Sonnenaufgang am Rio Seixe

Gute Reise! Bem vindo
Gute Reise! Bem vindo

Gestartet war ich um 7:44 Uhr in morgendlicher Kühle am südlichen Ende des Weges in Odeceixe und werde mich stets nach Norden bewegen. Mein Auto hatte ich im Ort abgestellt und würde es je nach Befinden heute Abend oder morgen holen. Der Bus von Porto Covo fährt nur zweimal täglich, um 18 und 19 Uhr. Mir wäre es also lieber, rechtzeitig anzukommen, zu duschen und dann das Auto zu holen. Dann müsste ich nicht den ganzen morgigen Tag vertrödeln. Den Mietwagen über Nacht dort zu lassen, hinterließ kein gutes Gefühl.

Kaum hatte ich den Ort verlassen und den Fluss überquert, wäre ich beinahe falsch abgebogen. Meine Aufmerksamkeit lag noch auf dem herrlichen Sonnenaufgang über dem Rio Seixe – ein majestätischer Anblick! Es ging scharf nach links, immer entlang des Flusses. Links und rechts verlassen daliegende Häuser. Und Hunde!

Über dem Rio Seixe geht die Sonne auf
Über dem Rio Seixe geht die Sonne auf

Hunde und ich? Das ist so eine Sache und die Hinweise auf verschiedenen Internet-Seiten hatte nicht zu meiner Beruhigung beigetragen. Immer wieder hatte ich von streunenden Hunde gelesen, die teils aggressiv reagieren sollen. Vorsorglich steckt eine kleine Dose mit Reizgas – Tierabwehrspray genannt – in meiner Weste. Wirksamkeit hin oder her, mir half es. Die Hunde hier waren angeleint und bellten nur kurz. Es reichte trotzdem, um mir ein mulmiges Gefühl zu bescheren und das Stativ in meiner Hand fester zu greifen.

Ein letzter Blick aufs Meer

Am Meer ist das Gefühl verflogen, die erste Aufregung auch. Ich habe meinen Rhythmus gefunden. Das Terrain ist einigermaßen laufbar, aber nicht schnell. Meine Kilometerzeiten liegen häufig über sechs Minuten. Kein Vergleich zu den ersten Kilometern, auf denen ich voll Euphorie meine Geschwindigkeit hatte drosseln müssen. Der erste Ort, den ich erreiche, ist nach einem knackigen Anstieg Azenha do Mar. Gerade als ich den Ort wieder verlasse, schießt ein Hund kläffend um die Ecke, ein kleiner nur.

Das Stativ in der Hand schwingend, entscheide ich mich mutig frontal auf den Kläffer zuzulaufen. Das Hündchen zieht von dannen, Nagelprobe bestanden. Das Stativ in meiner Hand wird zu meinem besten Freund. Zur Belohnung kann ich vorerst einen letzten Blick aufs Meer genießen, die Bucht ist atemberaubend!

Es geht fort vom Meer. Bei der Vorbereitung hatte ich gelesen, dass ein Abschnitt des Weges wegen akuter Einsturzgefahr gesperrt ist und deswegen vom Küstenverlauf abgewichen werden muss. Schnurgerade führt die Ausweichstrecke zwischen Feldern hindurch, ein landwirtschaftlicher Betrieb. Eine Situation, die mir nicht behagt, weil das Thema Streuner mich weiterhin nicht loslässt. Unbelästigt komme ich an eine Straße, der ich einen Kilometer weit folge. Einfache Kilometer sind das im Moment.

Querfeldein zur Tattoo-Idee

Nach Nordwest geht es durch einen regelrechten Tunnel aus niedrig gewachsenen Bäumen zurück zum Meer. Abgelenkt vom Filmen, trete ich in ein Schlagloch, knicke um. Wie dumm wäre das, wenn ich den Lauf wegen so einer Unaufmerksamkeit abbrechen müsste? In Zukunft werde ich vorsichtiger sein, besonders am Rand der Klippen. Ein Ausrutscher hätte dort fatale Folgen. Nicht nur für den Lauf.

Die Strecke wird buschig. Immer wieder muss ich ins Unterholz, das gerade so weit zurückgeschnitten ist, das eine einzelne Person einigermaßen hindurch kommt. Aber nur einigermaßen. Sicher auf dem richtigen Weg zu sein, bin ich nicht immer. Eher im Gegenteil. Fast bin ich mir sicher mich veirrt zu haben, so eng ist das Gesträuch.

Doch dann höre ich Stimmen und gleich darauf begegne ich zwei Wandrerinnen. Bin also doch auf dem richtigen Weg. Mir geht es noch so gut, dass ich gut gelaunt Ratschläge erteile. „Be careful, it’s slippery!“, rate ich den Beiden und versenke meinen Schuh im Schlamm, als würde ich meinen Ratschlag unterstreichen wollen. Abgesehen von den kleinen Unsicherheiten beim Durchqueren der Büsche, ist die Beschilderung erstklassig.

Markierung für den Fishermen's Trail
Da geht’s lang – Markierung für den Fishermen’s Trail

Regelmäßig komme ich an den Markierungen des Fishermen’s Trail vorbei. Die Markierung ähnelt einem Gleichheitszeichen, der obere Balken grün, der untere blau. Sie findet sich praktisch überall. Auf Steine gepinselt oder an Bäume und auf regelmäßig aufgestellte Holzpfähle. Das Zeichen gibt es auch noch in einer Variante. Sieht man ein „X“, bedeutet das: Nicht folgen! Genial einfach, Verlaufen ist so eigentlich unmöglich. Je länger ich der Strecke folge, desto häufiger denke ich an das Zeichen: Wäre doch ein tolles Tattoo, wenn ich das hier heute wirklich schaffe!

Das Ziel heißt FKT

Was „schaffen“ in diesem Zusammenhang bedeutet? Ankommen ist das Eine. Aber ich bin fest entschlossen, auch die schnellste Zeit hinzulegen, die für den Fishermen’s Trail bekannt ist. Ein Gag, zugegebenermaßen. Und dann auch wieder nicht. Keine Ahnung, wie viele überhaupt einen FKT-Versuch auf diesem Weg gestartet haben. So oder so bin ich erst durch die Seite fastestknowntimes.com auf die Strecke aufmerksam geworden, als ich im Dezember einen ausgeprägten Lagerkoller entwickelte und meine Frau sich meiner erbarmte und mir grünes Licht für meine Laufleidenschaft gab.

Weil ich Portugal liebe, hatte ich dort nach für mich geeigneten Strecken gesucht und stieß relativ schnell auf den Fishermen’s Trail. 75 km schienen machbar und die Beschreibung klang reizvoll. Dazu schien die Zeit schlagbar. Elf Stunden und ein bisschen. Das sollte ich doch schaffen, war ich doch zuletzt knapp 70 km mit 1.800 Höhenmeter in unter acht Stunden gelaufen!

It’s feels good to be lost in the right direction!

Apropos Höhenmeter. Hoch und runter geht es auch heute – und zwar nicht zu knapp. Schon für die erste Etappe bis Zambujeira do Mar veranschlagt der offizielle Wanderführer über 250 Höhenmeter. Das liegt am immer gleichen Muster, dem der Weg folgt: Auf die Strände geht es von den Klippen teils steil hinab, mal über Treppen, manchmal Holzstege oder über den blanken Fels. Auf der anderen Seite des Strandes dann die gleiche Prozedur in umgekehrter Richtung. Das Muster auf den Klippen ist indes ein anderes.

So dicht wie möglich führt der Weg entlang der Abbruchkante der schroffen Klippen. Das gewährt immer wieder spektakuläre Ausblicke, birgt aber eben auch Gefahren, gerade mit wachsender Ermüdung. Obacht ist also geboten, in Deutschland wäre der Weg wahrscheinlich mit 75 km Zaun gesichert.

It feels good to be lost in the right direction
It feels good to be lost in the right direction

Kurz vor dem Ende der ersten Tagesetappe führt der Trilho dos Pescadores häufiger durch Kiefern- und Akazienwälder. Und immer wieder vorbei an spektakulären Stränden. Der Praia do Cavarlhal ist womöglich der schönste Strand der gesamten Strecke. Der beschwerliche Aufstieg an seiner Nordseite lässt viel Zeit, ihn ausgiebig zu betrachten. Hier draußen zu sein, diesen Lauf zu machen, fühlt sich gut an. Das passende Zitat dazu prangt auf einer Strandhütte: „It’s feels good to be lost in the right direction!“

Vielleicht der schönste Strand des Fishermen's Trail - Praia do Carvalhal
Vielleicht der schönste Strand des Fishermen’s Trail – Praia do Carvalhal

Über Steine springend komme ich kurz vor Zambujeira do Mar an einen sprudelnden Wasserlauf, Treppen führen hinauf in die Stadt. Es geht beschaulich zu. Kein Wunder, der Küstenort hat kaum 1.000 Einwohner. Alles wirkt entspannt, Nebensaison oder mediterrane Gelassenheit, vielleicht auch beides. Sieben Stunden werden für die Etappe veranschlagt, ich habe zwei gebraucht.

Begegnung mit „Biest“

Blick auf den Strand von Zambujeira do Mar
Blick auf den Strand von Zambujeira do Mar, dem Ende der ersten Etappe des Fishermen’s Trail

Hinter dem Ort kann ich entlang einer Straße einfache Kilometer sammeln. Mir kommen verstärkt Wanderer entgegen, Läufer treffe ich nicht. Ich bin im Flow. Das Dahingleiten wird abrupt unterbrochen – Hund! Entrada da Barca heißt die kleine Ansiedlung, die ich soeben verlassen will, als ich einen Koloss von Hund auf der Straße hocken sehe. Herrchen? Nicht zu sehen. Halsband? Auch nicht. Im Reflex stoppe ich die Uhr, bis mir einfällt, dass das eh egal ist, nur die Gesamtzeit kommt in die Wertung, da kann ich so oft stoppen, bis mir der Finger abfällt. Die läuft immer weiter.

Schnell wäge ich meine Möglichkeiten ab. Ich kann den Hund nicht weiträumig umgehen und mir fehlt schlicht der Mut einfach an ihm vorbei zu gehen. Bleibt nur, dass ich einen alternativen Weg suche und zur Kreuzung zurück laufe, an der ich am Ortseingang vorbeigekommen bin. Der Straße folgend suche ich linker Hand eine Gelegenheit auf den Fischerpfad zurückzukehren. Notfalls quer durch die Rabatte.

Leichter gedacht als getan. Erst sperren robuste Zäune den Weg zur Küste ab und als diese endlich den Weg ins Unterholz freigeben, komme ich nicht weit. Die Dornen bewährten Sträucher sind so dicht, da ist kein Durchkommen. Entnervt kehre ich um, bin kurz davor alles abzubrechen. Ich habe endlos viel Zeit vertan, mir überschlägig 2 Kilometer zusätzlich aufgeladen und blutige Beine geholt. Gelöst ist mein Problem trotz allem nicht. Noch immer muss ich am „Biest“ vorbei.

„Biest“ liegt immer noch lethargisch auf der Straße, daran hat sich nichts geändert. Schade. Aber vielleicht bietet der gerade abfahrende Kleinbus eine Chance. Halbgar mache ich eine Hilfe suchende Handbewegung in Richtung des Fahrers. Er deutet sie als Gruß und fährt los. Jetzt oder nie! Die Gunst des Augenblicks ausnutzend gehe ich im Windschatten des Autos los, sonst versauere ich hier noch. „Biest“ nimmt nicht den Hauch einer Notiz von mir, ich könnte ihm nicht „egaler“ sein. Braver Hund!

Wassermangel!

Für heute ist meine Angst kuriert. Was für ein Zirkus für nichts und wieder nichts, die reine Verschwendung von Zeit und Energie. Und als wäre das nicht genug, muss ich feststellen, dass ich meine Reserveflasche nicht in den Rucksack gesteckt habe. Ich habe sie irrtümlich auf der Fahrt heute morgen ausgetrunken! Wie dumm kann man sein?

In meiner Weste befindet sich griffbereit eine 500 ml-Flasche und eine weitere Flasche wähnte im Hauptfach auf dem Rücken, dazu hochkalorische Gels von 4endurance sowie Energy Blocks von Luchos. So wollte ich durch den Tag kommen, dem Mann mit dem Hammer entkommen. Jetzt habe ich nur eine einzige Flasche, die ich bereits leer getrunken habe und kann nur noch auf die vorher platzierten Beutel hoffen.

Die beiden Episoden haben mich aus dem Gleichgewicht gebracht. Erstmals sind Zweifel da, spüre ich Müdigkeit. Es war klar, dass ich Schwächephasen durchlaufen würde. Aber so früh? Den Ärger über den unnötigen Umweg kann abschütteln, indem ich hinter dem winzigen Hafen von Entrada da Barca drei flotte Kilometer auf dem festen Sandboden einlege. Der Weg ist hier so gut, dass mir zum ersten und einzigen Mal Fahrradfahrer entgegen kommen.

Dropbag hinter Cabo Sardão

Dem Wassermangel kann ich nicht so einfach davonlaufen, verschärfe ihn eher noch, indem ich schnell laufe. In der zunehmenden Hitze wird mein Mund immer trockener. Mit jeder Minute steigt die Attraktivität der Pfützen auf dem Weg. Kein Baum weit und breit mildert die Wucht der Sonne. Die Kombination aus Durst und müder werdenden Beinen nagt heftig an meiner Zuversicht.

Blick auf Cabo Sardão
Blick auf auf den Leuchtturm am Cabo Sardão
Sicher abgelegt: Dropbag Nr. 1
Sicher abgelegt: Dropbag Nr. 1

Ausgerechnet am markanten Cabo Sardão, mit seinem weithin sichtbaren Leuchtturm hoch über dem Meer, bin ich ironischerweise an einem Tiefpunkt angelangt. Der Leuchtturm am Kap ist mir kaum ein Foto wert. Erschöpft und durstig umgehe ich ihn auf den Holzwegen. Mein Durst ist unermesslich. In dreieinhalb Stunden habe ich nur einen halben Liter getrunken. Ein Vielfaches werde ich ausgeschwitzt haben.

Der Fishermen’s Trail weicht unmittelbar hinter dem Cabo Sardão ins Landesinnere aus. Direkt in Richtung meines ersten Drop Bags, den ich heute Früh hier abgelegt hatte. Trotzdem bin ich fast überrascht, ihn plötzlich direkt vor mir zu sehen. Bei der Ablage war es noch Dunkel und ich erkenne die Gegend zuerst nicht wieder. Er ist unangetastet – Halleluja!

Ein Hoch auf den Mini Mercado

Gierig trinke ich einen großen Teil der Flüssigkeit aus der deponierten Flasche und verstaue den restlichen Inhalt im Rucksack. Jetzt zeigt sich, wie fatal mein Fehler ist. Davon ausgehend, mich die ersten dreieinhalb Stunden mit den beiden Flaschen in der Weste versorgen zu können, hatte ich in diesen Beutel nur eine einzige Flasche geworfen, zwei weitere in den anderen. Der Inhalt dieser einen Flasche reicht gerade so aus, meinen gröbsten Durst zu stillen.

In meiner Not steuere ich einen Mini Mercado an. Glück im Unglück, dass dies einer der wenigen Punkte des gesamten Laufs ist, an dem sich überhaupt dazu eine Gelegenheit ergibt. Eine Dose Cola und eine Halbliterflasche Wasser sollen mir über die größten Schwierigkeiten hinweghelfen. Mit den Getränken in der Hand setze ich mich wieder in Bewegung. Erstaunlich ist, dass sich meine Laune schlagartig aufzuhellen beginnt. Freundlich grüße ich einen irritiert blickenden Anwohner: „Ola!“.

Es ändert sich nicht nur meine Laune, auch die Umgebung. Wieder an der Küste durchquere ich eine Dünenlandschaft, der Untergrund feiner Sand. Das zehrt meine ohnehin begrenzten Reserven weiter auf. Es geht über den höchsten Punkt – 75 m -, dann längere Zeit leicht bergab. Auf dem Sandboden kann ich trotzdem nicht immer laufen, es fehlt der rechte Halt und Abdruck. Lässt es das Terrain zu, laufe ich. So brauche ich für manchen Kilometer zehn Minuten, für andere sechs. Wichtig ist, dass ich vorwärts komme. Immer mal wieder überhole ich Wanderer, die ich mit meiner Methode aus Laufen und Gehen schnell hinter mir lasse. Die schwarzen Gedanken von vorhin sind nicht fort, aber verblasst.

Durch die Büsche ans Etappenende

Nach fast vierzig Kilometern ändert sich der Untergrund abermals und der Fishermen’s Trail führt eine unbefestigte, leicht abschüssige Straße entlang. Langsam laufend bringe ich diesen Abschnitt hinter mich und je mehr ich laufe, desto besser fühle ich mich. Der Anblick eines einsamen Gebäudes bei Porta da Ilha am Rande einer Klippe lässt mich an Chile denken, vielleicht an eine Walfangstation am Ende der Welt. Rechts die Atacama-Wüste, links der Ozean. Die Landschaft hat definitiv etwas Wüstes und die Hitze drückt, aber ich befinde mich noch immer am Atlantik, nicht am Pazifik. 

Ein Haus am Rande der Klippen - Porta da Ilha
Ein Haus am Rande der Klippen – Porta da Ilha

Abermals ändern sich Landschaft und Untergrund. Nachdem ich einem Hinweispfeil nach rechts gefolgt bin, finde ich mich in einem Tal wieder. Ein Pfad ist im Bewuchs des Hanges kaum erkennbar. Kein Wunder, ich bin zu früh abgebogen und tappe durch Büsche und Sträucher, bis ich einen Weg unter mir ausmache. Einige Schritte weiter dann bin ich in Almograve. Ende des zweiten Abschnitts. 

Mir ist nach einer Gehpause. Im Zentrum des Ortes komme ich an einer öffentlichen Toilette vorbei, zögere kurz, ehe ich sie doch betrete. Nicht für das Naheliegende, denn auch nach fünf Stunden verspüre ich keinen Drang Wasser zu lassen und das wird sich bis zum Ende des Laufs nicht ändern. Ich verhelfe der Wasserflasche, die ich seit dem Mini Mercado in der Hand getragen habe, zu einem Revival und fülle sie und meine Softflask mit Wasser, insgesamt rund ein Liter. Mehr Behältnisse habe ich nicht. Es riecht nach Chlor, andererseits gibt keine Hinweisschilder, die vor dem Trinken warnen. Der Geschmack ist ok und so spare ich mir den Stopp im gegenüber liegenden Laden. 

Endlose Dünen

Aus dem Ort heraus laufe ich wieder. Der Fishermen’s Trail bleibt abwechslungsreich, führt fürs Erste auf festen Wegen durch Felder, dann dominieren südlich Vila Nova do Milfontes wieder sandige Abschnitte. Der Weg durch die Dünenlandschaft ist so schön wie beschwerlich.

Frag nicht, wie es mir geht. Ich bin OK
Frag nicht, wie es mir geht. Ich bin OK

Umso wichtiger ist es, mich weiter mit Energie zu versorgen. Doch ist das leider nicht so einfach. Ich bekomme das Gel nur noch noch mithilfe von Wasser herunter und muss dafür einiges an Willenskraft aufbieten. Ähnlich geht es mir auch mit der Salztablette, mit der ich in der Sonne schwitzend dem Verlust von Mineralien entgegen wirken will. Nur würgend findet sie ihren Weg die Speiseröhre hinab. Mein Magen hat einen kritischen Zustand erreicht, hervorgerufen durch Anstrengung und voranschreitenden Flüssigkeitsverlust.   

Südlich von Milfontes lösen Akazien und kleinere Gehölze die schier endlosen Dünen ab. Die Abwechslung belebt meinen müden Geist, mein aufgeheizter Körper freut sich über den Schatten. Überhaupt ist die Hitze aktuell etwas weniger stark. Unbemerkt hat sich ein leichter Wolkenschleier vor die Sonne gelegt. An meinem quälenden Durst ändert das nichts. Schon wieder sind meine Wasservorräte aufgebraucht und ich benötige schleunigst Nachschub.

Ein Telegramm nach Hause

Meine Hoffnungen ruhen auf dem nächsten Drop Bag auf der Südseite der Brücke von Milfontes. Und mehr noch auf den Supermärkten in der Stadt. Ehrlicherweise kann ich mir nicht vorstellen, die reichlich süßen Getränke aus meinem Beutel zu trinken. Mir zieht sich allein beim Gedanken der überempfindliche Magen zusammen. Die vergangenen sechseinhalb Stunden Anstrengung haben ihm ziemlich zugesetzt und ich muss aufpassen, das Rad nicht zu überdrehen. Gut, dass die steil abfallende Asphaltstraße ganz klar davon zeugt, dass ich mich der Stadt nähere, kann sie dann von der Südseite des Rio Mira sogar sehen.

Blick über den Rio Mira auf Vila Nova de Milfontes
Blick über den Rio Mira auf Vila Nova de Milfontes

Es ist allerhöchste Zeit, mich bei meiner Frau zu melden. Das hatte ich beim Loslaufen versprochen, es aus verschiedenen Gründen aber hinten angestellt. War ich zuerst noch zu gut im Fluss, um zu schreiben, war es später eher eine Mischung aus Scham und Rücksicht. Meine Frau hatte mir all das erst möglich gemacht und zuhause selbst genug zu schultern. Hier überhaupt laufen zu dürfen, war ein echtes Geschenk. Da wollte ich ihr nicht mit meinen Läufer-Luxus-Problemen in den Ohren liegen. Schon gar nicht, solange ich nicht eine Anständige Distanz vorzuweisen hätte. Dieser Zeitpunkt ist nun gekommen.

„Es ist schön, aber hart. Kann aktuell nicht laufen. Laufen und Gehen wechseln schon länger. 55 km sind vorbei. Habe Probleme, weil ich nicht genug Getränke habe.“, fasse ich die Situation prägnant im Telegrammstil zusammen. Meine Frau reagiert sofort. Ob ich irgendwo Wasser bekomme, fragt sie und ich lege ihr meinen Plan dar. Dann der Schock: Wie waren doch gleich die Regeln für die Fastest Known Time? Gilt der Besuch eines Supermarktes als „supported“? Es ist nicht mein allergrößtes Problem und Anliegen, aber trotzdem ist die Vermutung, gegen die Regeln für eine neue FKT verstoßen zu haben, ein Tiefschlag für meine Motivation. Dämlich!

Noch immer gut gelaunt nach 55 km
Noch immer gut gelaunt nach 55 km

Wo zum Kuckuck ist der Dropbag?

Erschöpfung und Durst ignorierend, laufe ich immer wieder einige hundert Meter. Das hilft, die Kilometerzeiten unter zehn Minuten zu halten. Ich bin langsam geworden! Die Schönheit des Trails hilft beim Weitermachen und tröstet über das Schneckentempo hinweg. Durch Wald, Wiesen und Felder nähere ich mich meinem zweiten Beutel. Glaube ich zumindest.

Das Rauschen der gut befahrenen Straße kann ich schön hören. Gleich bin ich da. Seltsam unbekannt ist mir das mit einem kleinen Strick gesicherte Tor. Den Beutel hatte ich an ein Schild direkt neben einem Feldweg gehängt, ein Tor war da nicht. Suchend blicke ich die Straße in beide Richtungen hinab. Links die Brücke und auch rechts weit und breit keine Abzweigung zu sehen.

Lange brauche ich mir keine Gedanken zu machen, was zu tun ist. Auf die Getränke in dem Beutel kann ich verzichten, ich glaube sowieso nicht, dass ich sie vertrüge. Die Frage stellt sich aber ohnehin nicht. Weit entfernt kann der Beutel nicht sein, aber selbst wenn es nur 200 m wären, wäre es mir zu viel. Ich setze alles auf eine Karte: Supermarkt ich komme!

Von meinem neuerlichen Fehlschlag berichte ich nicht. Scham ist gar nicht so sehr Grund dafür, ich will meiner Frau einfach nur keine unnötigen Sorgen machen. Meinen Fehler finde ich verzeihlich. Da war es schon dämlicher, anstatt der getrockneten Cranberries eine Falafelmischung in den Koffer geworfen zu haben. Beim Abladen des Beutels vorhin war es schließlich dunkel und mir fehlte jede Ortskenntnis, weshalb ich den einzigen auf Google verzeichneten Weg in diesem Bereich als Ablageort ausgewählt hatte.

Später stelle ich fest: Zwischen dem Punkt, an dem ich durch das Tor auf die Straße kam und dem Punkt, an dem ich den Beutel zuvor platziert hatte, klafften tatsächlich 500 m. Eine Ewigkeit in meinem Zustand.

Sprite – du himmlische Erlösung

Die Brücke über den Rio Mira nehme ich laufend, das hatte ich mir so vorgenommen und meine Energie dafür reicht noch aus. Für die leichte Steigung dahinter allerdings nicht. Einige Meter muss ich der Straße noch folgen, dann führt der Pfad unvermittelt über eine Böschung und quer über eine wilde Wiese in den Ort. Es ist der größte am gesamten Fishermen’s Trail mit sage und schreibe 5.500 Einwohnern. Die Chancen für eine größere Anzahl an Läden mit einer gepflegten Getränkeauswahl stehen gut.

Im Zickzack wandere ich durch die Straßen der Stadt, der ich nur insofern Aufmerksamkeit schenke, dass ich nach einem Geschäft Ausschau halte. Dann wird mir übel, richtig übel. In die Hocke gehend, beuge ich mich über das Blumenbeet neben mir. Warte. Warte noch etwas länger und komme vorsichtig wieder hoch. Falscher Alarm! Glück gehabt.

Die Erlösung kommt in Gestalt eines Meu Super. Schleunigst suche ich das Regal mit den Getränken, besser wäre ein Kühlschrank. Die Flaschen sind zu groß, aber die Dosen sehen gut aus. Keine Cola? Was ist das bitte für ein Laden, aber in der Not bin ich mit Sprite zufrieden. Und Wasser.

Die Kasse ist blockiert von einer Touristin. Sie hat es im Gegensatz zu mir offenkundig nicht eilig, packt seelenruhig ein. Das stellt meine Geduld auf eine harte Probe und ich fluche herzhaft beim Verlassen des Ladens, reiße voller Ungeduld die Dose auf und setze mich schlürfend wieder in Bewegung die belebte Straße hinab.

Ein Plan für die letzten Kilometer entsteht

Nach einigen hundert Metern signalisiert mir meine Uhr rechts abzubiegen. Auf dem Display ist erkennbar, dass es nur ein kurzer Abstecher ist, um dann wieder auf die Straße zurückzukehren, auf der ich mich befinde. Sieht aus wie ein Fehler im Kartenmaterial und so entscheide ich mich, den Abstecher auszulassen. Ein Glitch ist es nicht, verstehe ich später beim Studium der Etappen, sondern das geplante Ende der Etappe an der Touristeninformation. Heißt: Ich befinde mich auf der letzten Etappe meines Rennens.

Treppensteigen in Vila Nova de Milfontes
Treppensteigen in Vila Nova de Milfontes

Entlang am Flussufer, dann Treppen hinauf, durch ein Wohngebiet raus aus der Stadt. All das gehe ich glücklich mit meinen Getränken in der Hand. Nach 61 km bin ich wieder so weit regeneriert, dass ich mich – oh Wunder! – wieder fürs Laufen entscheide. Einen ganzen Kilometer bringe ich hinter mich und brauche dafür weniger als sechs Minuten. Nennt mich Kiptum, nennt mich Kipchoge! Das lässt in mir den Plan wachsen, das jetzt so bis zum Ende durchziehen zu können. Hier und da einen Kilometer laufen und wenn es nicht geht, einen Kilometer gehen. So wird das was!

Weil es sich gerade so gut anfühlt, laufe ich einfach weiter, bis eine größere Ansammlung von Menschen meine Aufmerksamkeit erregt. Zwei Wanderinnen machen sich gerade an einem Wasserspender zu schaffen. Den kann ich mir nicht entgehen lassen. Meine Sprite ist bereits leer und entsorgt, mein Wasser läuft auf Reserve. Die beiden jungen Frauen machen mir bereitwillig Platz. Vielleicht rieche ich inzwischen unangenehm oder sehe komisch aus. Vielleicht sind sie aber auch einfach nur nett.

Versteinerte Dünen so weit das Auge reicht

Ich fülle zuerst die gekaufte Flasche und meine Soft Flask, dann nutze ich das Wasser, um mir Hände und Gesicht zu waschen. Das fühlt sich herrlich an nach nunmehr fast acht Stunden. Zum Abschluss durchtränke ich mein Cap, setze sie mir wieder auf und mache mich gut gelaunt an die letzen Kilometer. Nicht mehr lange, dann habe ich es geschafft.

Gut gelaunt auf die letzten Kilometer des Fishermen's Trail
Gut gelaunt auf die letzten Kilometer des Fishermen’s Trail

Zu meiner kleinen Enttäuschung geht es wieder in die Dünen, den Ozean wie immer zur Linken. Der Boden hier ist nicht zum Laufen gemacht. Im Generellen nicht und in meinem Zustand sowieso nicht. Also stapfe ich stoisch durch den feinen Sand. Zuerst noch immer gut gelaunt. Der Fishermen’s Trail zieht sich hier schließlich direkt am Rand des Atlantiks entlang und führt mir einen spektakulären Ausblick nach dem anderen vor. Es ist und bleibt ein Fest für die Sinne, allen Anstrengungen zum Trotz.

Eins, zwei, drei, vier Kilometer zieht sich das so. Langsam verlässt mich mein Glauben an ein baldiges Ankommen in Porto Covo. Die Plastikflasche ist inzwischen schon wieder leer und jeder Schluck aus der Soft Flask ruft bei mir Übelkeit hervor, da es immer noch nach dem süßen Getränk schmeckt, das vorhin darin gewesen ist. Auf den vier Kilometern bin ich höchstens einige Meter gelaufen, indem ich kurze felsige Stücke ausnutzte. Laufen fühlt sich tatsächlich angenehmer an, als das mühselige Stampfen, aber es geht einfach nicht.

Immer wieder belohnt der Fishermen's Trail mit seiner Schönheit.
Immer wieder belohnt der Fishermen’s Trail mit seiner Schönheit.

Wer schon je eine länger Strecke über einen Strand gegangen ist, wird es gut nachempfinden können. Gerade aufwärts ist es eine harte Nummer. In Minischritten erklimme ich die Dünen, um auf der anderen Seite immer nur wieder neue zu erspähen. Sie werden „durch eine bemerkenswerte Landschaft wandern, mit der größten Ausdehnung versteinerter Dünen in Portugal.“, heißt es. Versteinert?

Langsam neigt sich ein langer Tag dem Ende zu

Momentan kann ich die geologische Besonderheit nicht immer hinreichend würdigen. Inzwischen finde ich das Besteigen der Dünen schon anstrengend und lasse mich irgendwann einfach auf einen Stein niedersinken. Durchatmen. Mein Wadenmuskel führt ein wildes Eigenleben, zuckt wie besessen. Da hilft wohl nur noch ein Exorzist. Mein linkes Schienbein hingegen ziert ein 30 cm langer roter Kratzer. 66 km haben ihren Tribut gefordert. Erneut kämpfe ich mit aufwallender Übelkeit, auch dieses Mal vergeht sie.

Weiter! Stoisch gehe ich weiter und erreiche zur Belohnung rund zwei Kilometer später tatsächlich das Ende der Dünen. Der Weg führt in diesem Bereich des Praia do Mãlhao Sul über einen Weg aus Holzbohlen. Der Parkplatz ist ziemlich verlassen, nährt aber meine Zuversicht auf meine baldige Ankunft im Zielort Porto Covo. Ich laufe fast einen ganzen, sehr langsamen Kilometer. Aber immerhin laufe ich, das kam zuletzt nur selten vor.

Nach 69 km verlasse ich den Parkplatz, der Weg führt nun etwas abseits des Meeres weiter nach Norden. Der Boden wird wieder sandig und so erspare ich mir den Kraftakt des Laufens, hebe mir meine restliche Energie für Passagen auf, die ich bergab laufen kann oder die weniger sandig sind. Trotzdem bin ich weiterhin guter Dinge, angesichts des baldigen Ankommens. Meine Frau bringt derweil die Kinder ins Bett, der Tag neigt sich dem Ende zu.

Die Sonne steht in der Tat tief und das Licht ist milder geworden, auch wenn ich hier eine Stunde hinter der Zeit in Deutschland zurückliege. Es ist bereits 17 Uhr durch. Höchste Zeit nach Porto Covo zu kommen. So kann ich das Auto vielleicht heute doch noch aus Odeceixe holen und mich morgen vollends aufs Regenerieren konzentrieren. Eine schöne Vorstellung.

In der Ferne das Ziel? In weiter Ferne?

Nach 71 km treffe ich einen alten bekannten wieder, den Atlantik. Er nimmt keine Notiz von mir und ich kaum von ihm. Sein Reiz hat abgenommen über die Zeit und doch fällt mir immer wieder auf wie schön es hier ist. In der Ferne kann ich endlich einen Ort erkennen und einen Leuchtturm. Zu weit weg für Porto Covo, das sind keine vier oder fünf Kilometer. Aber der Leuchtturm… Genau so einer steht ziemlich direkt vor meinem Hostel.

Mir wird flau im Magen, bis ich den Gedanken ganz schnell beiseite schiebe. Das muss der Ort hinter Porto Covo sein, Sines! Besser, ich konzentriere mich aufs Laufen, laufend beansprucht die steinige Piste schon genug Konzentration. So gesehen, war es ganz gut, dass ich auf den letzten Kilometern nicht viel laufen konnte: Es ging teils dicht am Abgrund vorbei und meine Koordination und Konzentration sind nicht mehr fabrikneu. Beweis gefällig? Beim überqueren eines Baches, rollt der vermeintlich sichere Stein unter meinem Gewicht davon und mein Tritt landet im Wasser.

So gründlich habe ich meine Zweifel verbannt, dass ich wirklich glaube, mich Porto Covo mit Riesenschritten zu nähern. 72 km habe ich laut Uhr hinter mir. Wären noch zwei Kilometer plus das, was ich mir an Umweg aufgebrummt habe. So viel kann das aber nicht sein. Ich rechne mit insgesamt 75 km, wenn es dicke kommt, 76 km. Selbst in diesem Schneckentempo kann ich noch unter 10 Stunden bleiben, freue ich mich.

Eine Vorahnung wird zur bitteren Gewissheit

Der Strom der zuerst noch zahlreichen, von Porto Covo kommenden Wanderer ist komplett verebbt. Es wäre viel zu spät, jetzt erst aufzubrechen. Häuser in der Ferne. Nur kleine, einsam daliegende Anwesen, aber ich wähne mich Porto Covo immer näher. Die alte Festung, die ich schon seit langem im Blick habe, kommt quälend langsam näher. Als ich sie endlich erreiche, bin ich sicher da zu sein. Mein Hirn spinnt sich zurecht, wie es hinter dem Bauwerk weitergeht. Die kleine Bucht erst, dann der Pfad um die Stadt zum Hotel. Kenne ich von gestern Abend.

Auf dem Display meiner Uhr sehe ich ein von einem blauen Quadrat eingefasstes „P“, das einen Parkplatz symbolisiert. Es passt alles zusammen, gut 75 km sind absolviert. Dann war der Umweg doch kürzer als gedacht. Kurz balle ich die Faust, Siegerfaust! Dann biege ich um die Ecke.

Was ich sehe, bringe ich nicht im Einklang mit dem, was ich mir ausgemalt habe. Ein einsames, verlassenes Restaurant, Strand und nichts weiter als Klippen. Von Porto Covo keine Spur. Es ist ein Tiefschlag, ich ringe um Fassung. Es ist an der Zeit, den Spekulationen ein Ende zu bereiten. Das hätte ich schon viel früher haben können, mich aber aus Gründen der Selbsttäuschung vor einen Blick auf die Restdistanz gedrückt.

Über drei Kilometer sind es noch! Das zieht mir ruckartig den Boden unter den Füßen weg, stürzt mich in eine mittelschwere Krise. Aber was außer weiterzugehen soll ich machen?

Nachher ist man immer schlauer

Der Fishermen’s Trail scheint mich heute in die Knie zwingen zu wollen. Der langgezogene, verlassenene Sandstrand unterhalb des Restaurants ist ein Traum, zum Laufen ist er die Hölle. Steile Klippen schließen daran an. Es kommt mir in diesem Augenblick nicht nur so vor, der Weg zwischen Vila Nova de Milfontes und Porto Covo gilt auch ganz objektiv als der schwierigste Abschnitt des gesamten Fishermen’s Trail. „20 km Sandboden sind lang und anstrengend.“ – ach hätte ich den Wanderführer doch schon vor dem Lauf zu Hand gehabt.

Die Aufgabe wird durch die hereingebrochene Dunkelheit nicht einfacher. Ohne echten Sonnenuntergang hat sich die Sonne vom Himmel gestohlen, das letzte Dämmerlicht ist Dunkelheit gewichen. Die Notwendigkeit einer Stirnlampe hatte ich im Vorfeld verworfen. Einige Dinge hätte ich definitiv besser Planen können. Oder nicht? Alles kann man eben doch nicht voraussehen.

Jetzt muss notfalls die Handytaschenlampe herhalten, wenn es über Steine und Felsen geht. Der Weg lässt sich mehr erahnen als sehen und doch gelingt es mir, die restliche Distanz kleiner werden zu lassen. Gäbe es die Möglichkeit auszusteigen, würde ich sie dennoch ernsthaft in Betracht ziehen. Mein Schlucken ist trocken und mein Atem geht flach. Kurz gesagt: Ich bin im Arsch. Wieder setze ich mich hin, um kurz auszuruhen. Wieder beginnt das gleiche Spiel. Übelkeit kommt, Übelkeit geht.

Ein letztes Mal nasse Füße, dann ist es geschafft

Immer weiter entlang der Klippen, dann komme ich nach 78 km wirklich an der Bucht an, an der ich mich schon vor einer halben Stunde sah. Nördlich von mir ist die Stadt jetzt ganz nah und weil die Straße zum winzigen Fischerhafen steil abfällt, laufe ich sie vorsichtig. Ein Zeh am linken Fuß scheint im Laufe der Stund durch ein Loch gestoßen zu sein und schält sich ab wie eine Banane. Abwärts ist es besonders unangenehm.

Selbst im kleinen Hafen tauche ich mit einem Fuß noch einmal ins Wasser, weil ich unachtsam bin. Es juckt mich nicht. Steil geht es auf der Nordseite des Hafens zur Stadt hinauf, viel zu steil, als das ich hier laufen könnte. Den letzten Rest Energie hebe ich mir auf, um wenigstens „ins Ziel“ auf dem kleinen Marktplatz zu laufen. Nur noch durch die Fußgängerzone, dann ist es geschafft. Eine Werberin für ein Restaurant spricht mich an, meine deutlich Zurückweisung kommt nicht gut an. Sehe ich aus, als würde ich mich so ins Restaurant setzen wollen?

An der kleinen Kirche beginne ich langsam zu laufen. Viel mehr als 50 m sind es nicht, sie sind für mich gleichbedeutend mit einer Ewigkeit. Dann, nach 11:05:36 Std. stoppe ich die Uhr, lasse mich ächzend zu Boden sinken, kämpfe mit meinen Gefühlen. Ganz knapp nur schreibe ich meiner Frau: „Bin da. Waren aus irgendeinem Grund fast 79 km. Ich bin so K.O.“ Dann: „Muss ständig mit den Tränen kämpfen. Ich gehe mir kurz etwas zu trinken holen.“ Von FKT kein Wort. Sie bedeutet mir Schlichtweg gerade nichts.

Tausend Bilder im Kopf

Es ist verhext: Der Laden, den ich betrete, hat nur Wasser und das will mein Magen gerade nicht. Wohl oder übel gehe ich durch die Fußgängerzone zurück zum Hotel. Auf dem Weg dorthin liegt ein kleiner Supermarkt. Zuerst aber entschuldige ich mich bei der Mitarbeiterin des Restaurants, erkläre ihr, dass ich nicht rüde sein wollte. Vielleicht komme ich nachher essen, vorher muss ich aber dringend eine Dusche nehmen.

Angekommen nach 78 km und 11:05:36 Std.
Angekommen nach 78 km und 11:05:36 Std.

Für das obligatorische Foto ist es eigentlich zu dunkel, aber es wird authentisch, dann erst komme ich zum Supermarkt. Unschlüssig kaufe ich mir eine Cola, eine Tüte Chips und zwei Flaschen Bier – ich will mit mir anstoßen auf meinen Lauf. Noch im Gehen öffne ich die Cola, spüre, dass ich zittere und bin heilfroh gleich im Hostel zu sein. Schleunigst gehe ich am Rezeptionisten vorbei auf mein Zimmer. Es kostet mich Mühe, nicht sofort aufs Bett zu fallen. Wenigstens die Tagesdecke breite ich noch aus, um nicht alles zu verschmutzen, schleppe mich dann in die Dusche.

Wenn nicht jetzt, schaffe ich das heute gar nicht mehr. Meine Schuhe sind voller Sand, schlimmer als bei meinen zweijährigen Zwillingen nach einem Besuch auf dem Spielplatz. An meinem linken Fuß zeichnet sich ein nasser Fleck ab, wo ich die Schmerzen hatten. Vermutlich ist eine Blase geplatzt. So genau möchte ich das jetzt nicht inspizieren. Das Duschen tut gut, aber was ich will, ist liegen.

Auf dem Bett liegend fasse ich den Plan kurz zu schlafen und mich dann ums Essen zu kümmern. Den Wecker stelle ich mir auf 20:30 Uhr. 45 Minuten Schlaf sollten ausreichen, um mich wieder fit zu machen. Als der Wecker klingelt, drücke ich ihn ab, bleibe, wo ich bin und falle in einen unruhigen Schlaf. Meine Beine pochen und mein Gesicht ist heiß, immer wieder sehe ich im Traum Bilder der Küste, laufe scheinbar den Fishermen’s Trail in Teilen noch einmal ab.

Ein stinkende Ehrenrunde

Um 3:30 Uhr bin ich wach, aus der Lobby höre ich Musik. Fälschlich nehme ich an, dass es gleich Frühstück gibt. Stattdessen hole ich mir eine Fanta aus dem Kühlschrank und bereite mir einen Kaffee, lege mich zurück ins Bett und sichte meine Fotos. Es ist der erste Moment, in dem ich würdigen kann, was ich getan, geschafft habe. Ich bin froh, dass ich dieses Mal so viele Fotos und Videos gemacht habe, kann dadurch noch einmal die unglaubliche Schönheit des Fishermen’s Trail genießen.

Weniger unruhig schlafe ich die restlichen Stunden und bin dann der Erste beim Frühstück. Noch immer lasse ich es vorsichtig angehen, weil ich nicht sicher bin, wie mein Magen reagiert. Orangensaft findet er super! Und Rührei. Ich stelle fest: Alles geht und bleibt, wo es hingehört. Ich lasse mir alle Zeit der Welt.

Frühstück!
Frühstück!

Die große Erschöpfung von gestern Abend habe ich abgeschüttelt und der Muskelkater ist erträglich. Daher fasse ich einen Entschluss: 30 Tage lang bin ich jeden Tag min. 1,6 km gelaufen und ich möchte den Streak auch am letzten Tag des Januars aufrecht erhalten. Auslaufen soll ja ohnehin Wunder wirken. Und es gibt noch einen weiteren guten Grund. Das Abschlussfoto vom Ankommen in Porto Covo soll aufpoliert werden.

Eigens dafür schlüpfe ich noch einmal in das Original-Outfit vom Vortag. Da müssen etwaige Passanten jetzt durch – und ich auch. Man kann sich ausmalen, dass ich nicht nach Frühling dufte. Ganz vorsichtig beginne ich meinen Weg zur Aussichtsplattform und trabe nach geglückter Pose weiter durch den Ort. Mit jedem Schritt werden meine Beine leichter und ich komme auf insgesamt fünf Kilometer. Phänomenal, wie sich der Körper in kurzer Zeit erholt.

Es ist amtlich: FKT auf dem Fishermen’s Trail

Weil das Frühstück noch immer im Gang ist, nehme ich die Gelegenheit für einen zweiten Gang wahr, gönne mir noch etwas Obst und Saft. Erst dann irgendwann recherchiere ich, ob ich einen Regelverstoß begangen habe, indem ich unterwegs Getränke gekauft habe. Es nur noch ein kleiner Aspekt, des Laufs, aber wissen möchte ich es nun doch. Es wäre eine schöne Belohnung für diesen tollen Lauf.

Zeitlich gesehen, bin ich fünf Minuten schneller gewesen, das weiß ich längst. Es geht allein um die Frage, ob ich in die Kategorie „supported“ falle, also Hilfe Dritter angenommen habe. Meine Recherche ergibt, dass ich schon durch die Selbstversorgung mit den abgelegten Beuteln in den Kategorie „self-supported“ falle, soweit so gut. Das ist die gleiche Kategorie, in der die bisherige Bestzeit auch fällt. Entscheidend ist, dass auch Supermärkte und öffentliche Toiletten in diese Kategorie zählen. Sie sind theoretisch jedem zugänglich und somit keine Hilfe Dritter. Das ist der ausschlaggebende Punkt – ich bin „self-supported“ gelaufen und habe damit eine neue FKT aufgestellt.

Es ist ein tolles Gefühl, später den offiziellen Antrag zu stellen. Nicht entscheidend für das Erlebnis, den Fishermen’s Trail an einem Tag alleine gelaufen zu sein. Aber es ist der perfekte Abschluss dieses einmaligen Laufs, der der schönste und zugleich härteste war, den ich je auf mich genommen habe. Ein Lauf, den ich niemals vergessen werde und für den sich jeder Schritt gelohnt hat, egal wie mühsam er am Ende war. Die Bilder werden auf ewig in meinem Kopf bleiben!

FKT auf dem Fishermen's Trail
FKT auf dem Fishermen’s Trail

3 Comments on “Fastest Known Time auf dem Fishermen’s Trail

  1. Wow, was für eine inspirierende Geschichte vom Fishermen’s Trail! 🌊 Ich war total gefesselt von deinem Abenteuer, besonders wie du Herausforderungen wie die Begegnung mit „Biest“ und die Handhabung deiner Wasserversorgung gemeistert hast. Es zeigt, wie wichtig Vorbereitung und Resilienz für solche Unternehmungen sind. Deine Erfahrung macht mir Lust, mich selbst auf ein ähnliches Abenteuer einzulassen, auch wenn ich zugeben muss, dass die Idee, 75 km entlang der portugiesischen Küste zu laufen, im Moment noch ziemlich einschüchternd wirkt. Danke, dass du deine Erlebnisse und Gedanken geteilt hast, es regt wirklich zum Nachdenken über Freiheit und Selbstentdeckung durch körperliche und mentale Herausforderungen an. Hut ab vor deiner Ausdauer und deinem Abenteuergeist! 🏃‍♂️🌿

    1. Vielen Dank fürs Lesen und die lobenden Worte. Die Schönheit des Wanderweges ist wirklich herausragend. Man muss ja nicht gleich den ganzen Weg laufen, es reicht schon viel weniger für eine schöne Erfahrung und erwandern lässt sich der Trail natürlich auch wunderbar. Dafür ist er ja da. Also nicht abschrecken lassen.
      Es ist einfach ein schönes Mikro-Abenteuer, bei dem man auf ganz wesentliche Dinge reduziert ist.

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