Wettkampfberichte

Norddeutschlands härtester Marathon – 44. Brocken-Marathon

„Der Brocken-Marathon ist ein Wettkampf mit ganz besonderen Anforderungen. Über 1000 Höhenmeter machen diesen Marathon zu einem der schwierigsten Ausdauerläufe Deutschlands. Nur sehr gut trainierte Läuferinnen und Läufer sollten diese Herausforderung riskieren.“ Mit meinem leichten Hang zum Masochismus zog mich die Beschreibung des Veranstalters schon seit einigen Jahren an. Doch entschied ich mich in den zurückliegenden Jahren regelmäßig für einen der klassischen Straßenmarathons im Herbst mit dem Ziel, dort meine persönliche Bestzeit zu verbessern und so passte der Lauf einfach nicht in meinen Kalender. Und so wäre es auch in diesem Jahr gekommen. Erst als ich den schon geplanten Bremen-Marathon kurzfristig wegen beruflicher Verpflichtungen hatte sausen lassen müssen, war endlich der Zeitpunkt für eine Teilnahme gekommen.

Meine Form für eine neue Bestzeit stimmte ohnehin nicht, da war ich mir ziemlich sicher. Zu wenige Trainingswochen mit ausreichendem Umfang hatte ich seit dem Sommer durchziehen können, kam nur selten auf meine 100 Wochenkilometer, ein Umfang, der in der Elternzeit im Frühjahr noch Standard gewesen war. Mit einer 40-Stunden-Woche sah das naturgemäß anders aus. Das war die Gelegenheit, mal etwas anderes, verrückteres auszuprobieren. Etwas, bei dem es nicht so auf die Zeit ankam, sondern mehr auf das Ankommen, das Bewältigen des Laufes. Aber ich wäre nicht ich, wenn ich mich nicht auch bei einer solchen Gelegenheit noch herausfordern würde.

Den Wettkampfgedanken kriegst du aus mir nie raus, da kann man nichts machen. So ertappte ich mich in der Woche vor dem Lauf dabei, wie ich die Ergebnislisten der Vorjahre durchstöberte. Ich wollte sehen, wo ich landen könnten, wenn ich diese und jene Zeit liefe. Was mir zuerst auffiel: Die Siegerzeiten waren unfassbar schnell für dieses Höhenprofil. Unter drei Stunden lief ich nicht einmal im Flachland und das war hier die Latte, die zu nehmen war, um zu gewinnen. Mit einer Zeit von etwa 3:30 Std. lag man immer noch ziemlich gut und irgendwie versteifte ich mich darauf, obwohl ich zuerst „nur“ mit einer Sub4 ins Rennen hatte gehen wollen, den Gedanken bekam ich nun nicht mehr aus dem Kopf.

Im Startblock wachsen die Zweifel

Vor dem Start des 44. Brocken-Marathons
Vor dem Start des 44. Brocken-Marathons

So viel zum Vorgeplänkel, das gleich unbedeutend sein wird. Dann zählt nur noch eins: Laufen! Bis es so weit ist, rüttelt das Moderatorenduo im Startbereich gewaltig an meinem Selbstvertrauten und sät Zweifel an meinen hochfliegenden Plänen. Die Dame des Duos berichtet, wie sie selbst von den Anstiegen auf der zweiten Hälfte des Marathons überrascht wurde und wie sehr die weh taten. Ich denke: „Was für Steigungen?“ Man könnte denken, dass es auf der zweiten Hälfte nur bergab ginge, setzt sie nach. „Genau!“ So hatte ich es mir aus dem Studium des Höhenprofils zusammengereimt.

Eine hinreichende Vorbereitung gehöre eben zur Teilnahme an diesem Lauf, setzt das Duo nach. Danke auch, vielleicht bin ich etwas blauäugig an das Rennen gegangen. Frei nach dem Motto: Wird schon! Und warum auch nicht? Bisher ist es immer noch gut gegangen und es ist ja nicht so, dass ich komplett außer Form wäre. Aber Schiss habe ich jetzt doch, das brauche ich mir nicht schön reden und schreibe das meiner Frau und meinem besten Freund. Ich fische nach aufmunternden Worten.

Mit dem Ertönen des eigens für die Veranstaltung komponierten Liedes kündigt sich der Start an. Nicht wenige Teilnehmer kennen scheinbar den Text und schunkeln selig hin und her. Das Startsignal setzt dem Treiben ein Ende und wir setzen uns über eine Wiese in Bewegung. Das Tempo ist forsch und ich gerate schon auf dem ersten Kilometer ins Schwitzen. Was ist denn hier los? Mich springt förmlich der Gedanke an, einfach links auszuscheren und zum Start zurückzulaufen. Das ist über die Maßen anstrengend. Dass es an den 40 Höhenmetern liegt, die bereits auf dem ersten Kilometer überwunden werden müssen, checke ich erst später. Meine Uhr zeigt schon nach kurzem einen Höhengewinn von mehr als 100 Metern.

Ich hatte gar nicht wahrgenommen, wie sehr das Gelände anstieg. Nach dem ersten Kilometer beruhigt sich die Lage und es geht auf rollierendem Gelände weiter. Mal geht es hoch, dann wieder relativ steil hinab. Entsprechend schnell sind die Kilometerzeiten auf meiner Uhr, sie liegen alle deutlich unter fünf Minuten. Das ist schneller, als das, was ich mir vorgenommen habe. Mir fallen die Worte der Moderatorin wieder ein. Beginne langsam! Die gleiche Mahnung, so geht es mir durch den Kopf, die dem Autor des Buches „Aufstieg der Ultraläufer“ mit auf den Weg gegeben wird, ehe er beim Comrades Marathon antritt. Vielleicht ist meine Flucht nach vorne nicht die ideale Taktik.

In Ilsenburg beginnt der schönste Teil des Laufs

Bei Kilometer fünf wird es wieder steiler und ich überhole die ersten Wanderer, die im Rahmen der Veranstaltung schon eine Stunde vor uns gestartet sind. Bis Ilsenburg führt die Strecke überwiegend hinab, sodass ich zwei Kilometer unter 4:30 min/km hinter mich bringe. So kann es gerne weiter gehen. Als ich in Ilsenburg ankomme, überquere ich zunächst den kleinen Fluss, der dem Ort seinen Namen gegeben hat, dann folgt der Kurs grob dem Verlauf der Ilse. Acht Kilometer liegen hinter mir und so langsam habe ich ins Rennen gefunden.

Links ist der erste Verpflegungsstand aufgebaut und ich nehme mir etwas zu trinken. Den Liter, den ich in meiner Laufweste mitführe, spare ich mir auf, ich schwitze jetzt schon stark. Ein Helfer macht uns rufend auf das Angebot an der Verpflegungsstelle aufmerksam: „Wasser, Iso, irgendwas“, ich verstehe es erst nach der dritten Wiederholung. Schleim! Klingt das nicht verführerisch? Er meint Haferschleim, den die Helfermannschaft ebenfalls in kleinen Plastikbechern anbietet.

Die Zahl der Wanderer, die ich überhole, nimmt zu. Eine gutgelaunt Gruppe applaudiert uns Läufern und ruft, dass der Erste noch gar nicht so weit voraus ist. Der bricht noch ein, entgegne ich und ernte dafür Lachen und weitere Anfeuerung. Das tut gut. Weniger gut tut der jetzt spürbare Anstieg des Geländes. Seit Ilsenburg geht es ganz deutlich hinauf, jetzt wird es ernst, der Anstieg zum Brocken hat begonnen. Die Kilometer neun, zehn und elf bringe ich noch laufend hinter mich, um dann bei Kilometer 12 erstmals ins Gehen zu wechseln. Hier zu laufen, ergibt für mich keinen Sinn. Die Steigung beträgt teilweise mehr als 10 % und ich will mich nicht schon jetzt ins Jenseits befördern.

Ich beginne ein kurzes Gespräch mit einem Mitläufer, beschwere mich scherzhaft über den nicht enden wollenden Anstieg. Er warnt mich im Gegenzug vor den Panzerplatten in Richtung Gipfel. Meine Vorfreude ist schier grenzenlos. Ich kenne die Wabengittersteine, die hinauf zum Gipfel führen, habe sie schon beim Wandern kennengelernt. Aber laufen?

Erst einmal befasse ich mich mit Kilometer 13, der sich wieder laufen lässt. Danach hört es damit aber auf. Der Weg ist für meinen Geschmack einfach zu steil, um ihn ernsthaft zu laufen. Eventuell könnte ich einige Abschnitte laufen, aber würde ich damit nicht zu viel Kraft einfach verpulvern? Andere laufen tatsächlich an mir vorbei, ziehen aber so langsam davon, dass mein Zeitverlust trotz des Gehens gering erscheint. Faktisch werde ich jedoch nur einen oder zwei Läufer wiedersehen, die mich hier überholt haben. Scheinbar hat es ihnen doch einen ordentlichen Vorsprung beschert. In einem der wenigen Momente, in denen ich laufe, passiere einen Abzweig, an dem sich die Marathonstrecke von der 25 km-Wanderstrecke trennt. Obwohl ich ihn gerade laufend überholt habe, ruft mir ein Wanderer ironischerweise hinterher, dass Wanderer links abbiegen müssen. Auch wenn es gerade nicht immer so aussieht, mein Freund, ich nehme am Marathon teil!

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Bis auf weiteres bleibe ich aber bei den Gehern. Wandere durch den jetzt nebelverhangenen Hochharz und arbeite mich langsam in Richtung Gipfel. Meine Armlinge, die ich ich schon nach zwei Kilometern bis zu den Handgelenken abgestreift hatte, um mehr Luft an meine Haut zu lassen, ziehe ich wieder zum Oberarm hoch. Es ist kühl hier und Regen hat eingesetzt. Der teilweise abgestorbene Fichtenbestand und der Nebel vereinigen sich zu einer mystischen Stimmung. Fehlt nur eine Brockenhexe. Für die Kilometer von 14 – 16 brauche ich ca. 6:30 min/km, weil ich immer kleine Passagen laufen kann.

Gipfelsturm durch Regen und Nebel

Auf dem Weg zum Gipfel
Auf dem Weg zum Gipfel

So richtig beginnt der Spaß danach. Der ohnehin steile Weg wird noch steiler, als ich auf die angesprochenen Gitterwabensteine komme. Selbst das zügige Gehen schlaucht. Mehr als zehn Minuten brauche ich für einen Kilometer und es fühlt sich an, als sauge die Steigung den Mumm aus meinen Muskeln. Wie mir geht es regelmäßig auch anderen, meint zumindest Wikipedia: „In diesem Abschnitt ist ein Betonplattenweg mit durchgängig etwa 20 Prozent Steigung zu überwinden und die Läufer sind oberhalb der Waldgrenze oft einem scharfen, eisigen Wind ausgesetzt. Von den jeweils knapp 1.000 Teilnehmern schaffen es regelmäßig nur etwa 50, diese Passage ohne Gehpausen durchzulaufen.“

Ab und zu überholt mich tatsächlich ein Läufer, der dann wohl zu den privilegierten 50 zählen. Ich habe eine Kappe auf, ziehe aber nur innerlich meinen Hut davor. Wie kam ich eigentlich darauf, mich für einen passablen Bergläufer zu halten? Spezifische Vorbereitung auf diese Art von Lauf habe ich nicht absolviert und auch sonst bin ich ja nur flach unterwegs. Selbst der Läufer aus Berlin, den ich später im Ziel in ein Gespräch verwickle, erzählt mir, wie er als Vorbereitung immer wieder einen Hügel in Berlin hinauf gerannt ist. Und ich? Selbst beim Benther-Berg-Lauf habe ich meiner Familie beim Laufen zugesehen, anstatt dort ein paar Höhenmeter zu machen. Meine hinteren Oberschenkel sind dicht und hart.

1.000 Meter über NHN
1.000 Meter über NHN

Irgendwann komme ich an einem Schild vorbei. Es informiert, dass ich mich inzwischen auf 1.000 Metern über Normalhöhennull befinde. Selbst beim schnellen Wandern kann ich zusehen, wie die zurückgelegten Höhenmeter auf dem Display meiner Uhr in die Höhe schellen. Um die zunehmend Höhe zu bemerken, bräuchte ich keine Schilder oder einen barometrischen Höhenmesser in der Uhr, das gelegentliche Knacken in meinen Ohren als Begleiterscheinung des Druckausgleichs zeugt vom Aufstieg würde genügen. Wolkenfetzen wabern über den Weg und schränken die Sicht ein. Nebel, Regen, 4 °C – ich nehme eine der Tüten entgegen, die als Schutz vor den Wetterverhältnissen unterhalb des Gipfels ausgehändigt werden.

Der Funkmast auf dem Brockenplateau
Der Funkmast auf dem Brockenplateau

Der Gipfel kündigt sich mit einem Schemen an, der sich aus dem Nebel schält. Es ist der Fernsehturm, der auf dem Brockplateau bei guten Wetter weithin sichtbar empor ragt. Von Norden her kommend laufe ich auf den Gipfel und bin kurz später an einer Art Kreisverkehr aus Absperrband, der um einen mannshohen Stein führt. Die Fotografin wird von meiner Ankunft überrascht und reißt gerade noch die Kamera hoch. Mir wird klar, dass es der wortwörtliche Höhepunkt des Laufes ist und ich mich in fast 1.142 Metern Höhe befinde – Endboss besiegt.

Noch auf den letzten Metern gen Gipfel habe ich ganz ernstlich mit einem vorzeitigen Ende kokettiert, ich fühle mich saft- und kraftlos. Dabei liegen noch mehr als 20 km vor mir, ich habe nicht einmal die Hälfte bewältigt. Gleichwohl liegt das Schwerste hinter mir. Über 1.000 Höhenmeter habe ich und lt. Ausschreibung können es maximal weitere 100 sein. Wenn meine Uhr also nicht allzu falsch gemessen hat, können auf dem zweiten Stück des Laufs nicht mehr viele Anstiege warten. Ich laufe weiter, steige nicht aus und nehme mir vor, zunächst bis Kilometer 25 zu laufen. Dann könnte ich noch immer sehen, wie es weiterging.

Von jetzt an geht’s bergab

Der Brockengipfel in (fast) 1.142 Höhe ist erreicht
Der Brockengipfel in (fast) 1.142 Höhe ist erreicht

Weil ich durch den Nebel – und die Erschöpfung – doch etwas orientierungslos bin, muss mir ein Ordner den richtigen Weg vom Gipfel auf die Brockenstraße weisen. Es geht jetzt steil bergab und man kann es laufen lassen. Anders als beim Fahrradfahren, geht aber auch das über die Dauer auf die Beine. Bei jedem Schritt müssen vor allem die vorderen Oberschenkelmuskeln die Kraft des Gefälles auffangen. Allerdings sind die nicht mein Problem. Die hinteren Oberschenkel sind schon seit längerem dicht und das hindert mich daran, die Schrittlänge zu vergrößern.

Schnell werde ich von einem Läufer überholt, der es richtig rollen lässt und einen beneidenswert lockeren Laufstil hat. Gemeinsam überqueren wir die Gleise der Brockenbahn, die wenige Sekunden vor uns den Weg passiert. „Perfektes Timing!“, ruft mir der Mitläufer zu und zieht langsam davon. Mindestens zwei weitere Läufer nähern sich von hinten, das kann ich hören. Das verstärkt mein Gefühl, nicht im Vollbesitz meiner Kräfte zu sein. Überholt werde ich aber auch nicht und als die Straße nach rechts abbiegt, lege ich einen Schritt zu, will nicht überholt werden und gewinne tatsächlich ein paar Meter.

Das gesteckte Ziel bei Kilometer 25 habe ich schneller erreicht als gedacht. Läuft ja plötzlich doch. Wie sehr das Laufen Kopfsache ist. Mein Gefühl ist inzwischen ein ganz anderes und ich laufe zu vor mir liegenden Läufern auf. Es ist ein Duo, das mich auf dem Weg zum Gipfel überholt hat, an dem ich nach etwas mehr als 25 km vorbeilaufe. Inzwischen bin ich wieder auf Schotterwegen unterwegs, die asphaltierte Straße haben wir verlassen. Mein neues Ziel heißt 28 km. Jede noch so kleine Steigung zieht schmerzhaft in die Beine, doch bin ich bisher von den angekündigten Steigungen auf der zweiten Hälfte des Rennens verschont geblieben. Fast schon freunde ich mich mit dem Gedanken an, dass die beiden Moderatoren im Start-/Zielbereich von den kurzen flachen Anstiegen gesprochen haben, die immer mal wieder kommen. Die tun zwar weh, sind aber – noch – zu bewältigen.

Als mich an der Spitze einer kleinen Steigung Vater und Sohn mit einer Kuhglocke anfeuern, fühle ich mich an alpine Skiwettkämpfe erinnert und wiege mich angesichts der Felsformation hinter den Anfeuernden in Sicherheit. Ich wähne mich am Ottofelsen, von dem die Moderatoren vorhin gesprochen haben. Das war bestimmt einer dieser fiesen Anstiege. Ich habe Schlimmeres erwartet. Kurz darauf habe ich das zweite selbstgesteckte Ziel erreicht: 28 km.

Vorwärts nach weit!
Vorwärts nach weit!

Gehen, laufen, gehen

Die Verpflegungsstelle bei Kilometer 30, die ich keine zehn Minuten später erreiche, ignoriere ich, gehe aber fast zu Boden. Ich bin wegen des Gefälles schnell unterwegs und trete auf einen losen Brocken Geröll. Das hätte ins Auge gehen können. Ins Auge sticht dafür der Ausblick vom Hochplateau, auf dem ich mich jetzt befinde. Rechts, also östlich von mir, kann ich ewig weit blicken, am Himmel treiben dunkle Wolken. Herrlich! Zwei Läufer sind an mir vorbeigezogen – ich halte sie für Halbmarathonis, was aber falsch ist. Die Vereinigung der Strecken wird erst sehr viel später folgen. Genauso falsch war meine Hoffnung, dass ich den Ottofelsen schon passiert hätte.

Nach 32 km beginne ich meinen Irrtum zu begreifen und erfahre am eigenen Leib, was mit den fiesen Anstiegen auf der zweiten Hälfte gemeint war. Auf das, was nun kommt, bin ich definitiv nicht gefasst. Vor mir spannt sich ein Anstieg in Richtung einer markanten Felsformation. Diesmal ist es wirklich der Ottofelsen, die kleine Felsnadel vorhin war der Trudenstein, wie ich später recherchiere. Tja, so kann man sich irren. In diesem Jahr hat im Harz ein Feuer gewütet, das ist schlimm, aber es hat den Ottofelsen freigelegt, sodass man ihn in Gänze bewundern kann. Ich habe dafür viel Zeit, denn ich bin vom Laufen ins Gehen gewechselt.

Der Ottofelsen ist durch den Waldbrand gut zu erkennen
Der Ottofelsen ist durch den Waldbrand gut zu erkennen

Kurz vor der Verpflegungsstelle nach 34 Kilometern beginne ich wieder zu laufen, das Gelände ist jetzt flach genug. Ein Läufer, der neben mir unterwegs ist, muntert mich und vielleicht auch sich selbst auf: „Jetzt ist es nicht mehr weit.“ Ich seufze ihm eine Zustimmung zu und wir setzen gemeinsam und ohne weitere Worte zu wechseln den Weg fort. Jeder Schritt kostet Überwindung, mal mehr, mal weniger. Und gerade, als ich denke, dass ich jetzt einen Rhythmus gefunden habe, den ich bis zum Ziel beibehalten kann, schlägt die Strecke mir erneut ein Schnippchen und hält einen weiteren Anstieg parat.

Ausgerechnet in diesem Moment schreibt mir meine Frau zwei aufmunternde Nachrichten: „Gleich hast du es geschafft!“, lautet die erste, die ich aber gar nicht lese, weil sie von der zweiten Nachricht auf der Uhr überlagert wird. Vielleicht ist das auch ganz gut so, weil ich mich vom Schicksal leicht verschaukelt fühlen könnte angesichts des Anstiegs. So gehe ich und freue mich einfach über die zweite Nachricht, die mich sehr glücklich macht.

An der nächsten Verpflegungsstelle nehme ich einen Butterkeks und ziehe mir ein Malzbier rein, ohne dessen Hilfe ich den leicht labberigen Keks gar nicht runter bekäme. Mein Mund ist trocken wie eine Wüste. “Wir haben noch mehr Kekse!“, die Helferin ermuntert mich zum Zugreifen. Nee, danke! Hinter dem VP ist wesentlich mehr Volk auf der Strecke. Jetzt haben sich die Halbmarathon-Teilnehmer sich unter uns gemischt und ich erkenne auch meinen zweiten Irrtum. Viele von ihnen sind auch nicht mehr die Frische selbst. Gut zu wissen, dass es auch für sie schwer ist. Als ich – wieder laufend – das nächste Kilometerschild erreiche, trägt es nicht die erwartete 37, es zählt rückwärts. Fünf Kilometer sind es noch bis zum Ziel. Das ist nicht viel und gleichzeitig brutal. Ausgeruht sind fünf Kilometer für mich ein Klacks, in diesem Zustand aber ganz sicher nicht. Rund 30 Minuten muss ich noch laufen.

Die Zielzeit eine Wundertüte

Mein Glück ist, dass es mit Gefälle weitergeht. Das erleichtert mir das Laufen und trägt mich. Inständig hoffe ich darauf, dass es keine weiteren Anstiege mehr geben möge! Mit jedem Kilometer, den ich dem Ziel näher komme, verfalle ich in eine Art Euphorie. Was vorher schwer war, wird nicht wieder leicht, aber leichter. Meine Schritte sind wieder länger und ich drücke sogar aufs Tempo. Ich möchte mich nicht mehr einholen lassen. Warum? Darum! Nach 40 km fällt mir auf, dass ich überhaupt nicht weiß, wie lange ich schon unterwegs bin. Gibt es doch gar nicht! Liegt zum Teil daran, dass ich die Standardanzeige der Uhr auf die Höhenmeter umgestellt habe, hätte aber bei jedem einzelnen Kilometer die Gesamtlaufzeit ablesen können, ohne die Anzeige auf meiner Uhr umschalten zu müssen. Mein hektischer Blick aufs Display kommt zu spät, es ist schon wieder die Höhenmeteranzeige zu sehen. Ich spare mir die Mühe, die Anzeige umzuschalten und beschließe, mich einfach im Ziel überraschen zu lassen.

Zieleinlauf beim 44. Brocken-Marathon
Ein paar Schritte noch bis ins Ziel des 44. Harz-Gebirgslaufs
Ein paar Schritte noch bis ins Ziel des 44. Harz-Gebirgslaufs

Sehnsüchtig warte ich auf das Schild, das den letzten Kilometer ausweist. Und endlich, am Ende einer Wiese hängt ein großes Banner, das die letzten 1000 Meter ankündigt. Mir wachsen Flügel. Links geht ein Halbmarathonläufer in die Knie, er hat Krämpfe, ich meine eigenen Probleme. Gleich zwei Mal fliegen mir Insekten in die Augen. Unter gelegentlichem Applaus von Wanderern und Spaziergängern flitze ich die Gefällestrecke mit nicht mehr für möglich gehaltenem Elan herab, dann rückt das Ziel ins Blickfeld. Über dem Zielstrich ist eine große Digitalanzeige mit der Gesamtzeit. Ich werde weit unter vier Stunden bleiben und überquere bei 3:47 Std. die Ziellinie. Mit der Medaille in der Hand suche ich eine Sitzgelegenheit.

Das hat echt Körner gekostet und war mit Sicherheit der härteste meiner bisherigen Marathons. Umso stolzer bin ich, dass ich es geschafft habe. Sogar schneller als bei meinem Marathondebüt vor 15 Jahren. Erstaunlich! Ich mache ein Foto von mir mit der Medaille und sende es meiner Frau. In diesem Moment überfluten mich die Emotionen und meine Augen werden feucht. Die letzten 24 Stunden waren hart – erst arbeiten, dann als Trainer zum Fußballspiel meiner Söhne, von dort zum eigenen Fußballspiel und wiederum direkt im Anschluss die Fahrt nach Wernigerode, wo ich erst um 22 Uhr ankam. Es gibt ganz bestimmt bessere Vorbereitungen auf einen Wettkampf.

Das alles ist jetzt egal, ich bin einfach nur glücklich und erschöpft. Jetzt konzentriere ich mich auf das, worauf ich mich schon seit der Abholung der Startnummer heute Morgen freue. Es gibt ein Gratisbier und eine Suppe. Ich setze mich an einen der Tische in der Sonne und widme mich meiner Zielverpflegung. Sonne und warme Suppe helfen gegen das leichte Zittern, das mich seit ein paar Minuten befallen hat. Hungrig und erschöpft, wie ich bin, schmeckt die Suppe so gut, dass sie allein den Weg auf den Brocken wert war. Sie ist das letzte Highlight eines ereignisreichen Laufs, der mich so gefordert hat, wie vielleicht kein anderer Marathon zuvor. Mit ein paar Minuten Abstand von den schmerzhaften letzten Kilometern, kann ich mir schon wieder vorstellen, dass es nicht meine letzte Teilnahme war – auch wegen der Suppe.

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