Auf den letzten Metern des 10. SuMeMa 2026 © Timo Jaworr
Wettkampfberichte

10. SuMeMa – Gewohnt hart, unerwartet leicht. 69 Kilometer auf dem Weg zurück zum Ultralaufen

Die Fahrbahnmarkierungen sind unter einer dichten Schneedecke verschwunden, die Scheibenwischer kämpfen mit den Flocken. Plötzlich ist der Winter ausgebrochen. Geradezu eine Einladung umzukehren. Wie immer vor einem Ultramarathon kämpfen Motivation und Schweinehund ihren ewigen Kampf aus. Dem Schweinehund liefert der Schnee die perfekte Ausrede frei Haus. Ist doch viel zu gefährlich, wenn du bei diesem Wetter bis nach Wendhausen fährst, wo heute der SuMeMa starten soll, der Südkreis-Meilenmarathon. 69 km durch das Hügelland südlich von Hildesheim.

Als ich im Kampf mit dem Schnee auch noch die Zufahrt zur A7 verschlafe, scheint der Schweinehund gewonnen zu haben, weil ich eh spät dran bin. Ob das zeitlich überhaupt noch passt? Ich fahre einfach weiter und es passt. Um 6:45 Uhr parke ich im Ort. Von hier aus sind es maximal fünf Minuten bis zum Sportplatz. Dort gibt es auch Parkplätze, aber seit ich vor drei Jahren meinen Bus im Acker versenkt und eine gewisse Berühmtheit erlangt habe, bin ich vorsichtig. Reicht schon, dass ich für den dezenten Hinweis im Briefing, nicht auf dem Feld zu parken, verantwortlich bin.

Scherzhaft legt Veranstalter Matthias den Finger noch mal in die Wunde, als er mich bei der Abgabe der Verzichtserklärung fragt, ob ich wieder im Acker stehe. Wenigstens ist der Schweinehund fürs Erste stumm gestellt. Funktioniert bei meinen Zweifeln weniger gut. 69 km? Heute? Eine solche Distanz bin ich letztmals im Frühjahr 2024 gelaufen. Seitdem suche ich nach der Form der Vorjahre und stelle meine Fähigkeit, Ultramarathons laufen zu können, ernsthaft in Frage. Der letzte endete schon nach 30 km. Danach traute ich mich aus Angst vor weiteren Rückschlägen einfach nicht mehr. Aber wer nicht wagt, der nicht gewinnt. Vielleicht muss ich mich einfach von der Vorstellung lösen, immer an die Leistungen vergangener Jahre anzuknüpfen.

Wohl eher bescheuert als beeindruckend

Insofern ist das heute eine Gelegenheit, meine Zweifel abzustreifen. Vor allem auch deshalb, weil ich mich im Dezember ganz weit aus dem Fenster gelehnt und ein richtig langes Unterfangen geplant hatte. Im Februar will ich den 220 km langen Fishermen’s Trail in nur drei Tagen laufen. Wenn ich da heute schon einknicke, bei nur 42 Meilen, kann ich den „Urlaub“ in Portugal gleich streichen.

Vor dem Start gibt es ein paar warme Worte eines Mitglieds des örtlichen Sportvereins. Die sind bei gefühlten – 9°C willkommen. Schon das zehnte Mal stellt das Südkreis Ultra Team den SuMeMa auf die Beine, heute ist Jubiläum. Dass wir gleich 69 km bei diesen Bedingungen liefen, sei sehr beeindruckend. „Ich finde es eigentlich ganz schön bescheuert, nicht beeindruckend.“, meldet sich eine Stimme aus dem Pulk und erntet dafür zustimmendes Lachen.

Start/Ziel des 10. SuMeMa

Pünktlich um 7 Uhr schickt uns Michael per Rakete auf die Piste. Das ist wörtlich zu nehmen. Die Wege sind vollständig verschneit und daher unberechenbar. Gestern noch hatte ich mir kurzfristig eine neue Stirnlampe gekauft. Sie tut, was sie soll und leuchtet den noch stockdunklen Wald wie ein Flutlicht aus. Trotzdem dauert es keine 15 Minuten, da liege ich der Länge nach im Schnee. Ein Ast hat sich unter der Winterpracht versteckt. Schnell raffe ich mich auf und es geht weiter.

Aber Moment mal! Meine Dextro-Gummis aus der rechten Tasche der Weste sind futsch. Widerwillig trabe ich zurück und suche den verschneiten Boden ab. Es ist wie die Suche nach der Nadel im Heuhaufen. Die Verpackungen sind vorwiegend weiß und somit bestens getarnt. Schnell erkenne ich, dass mein Unterfangen hoffnungslos ist. Dann muss es halt so gehen. Immerhin sind die Gels in der anderen Brusttasche noch da. Außerdem Datteln und Süßkram und die VPs sind ja auch immer gut bestückt.

Das ging in die Hose – und aufs Knie

Ich war die gesamte Woche nicht laufen und dementsprechend ausgeruht fühlen sich meine Beine an. Vermutlich gehe ich wie immer zu schnell an, aber ich mag das Gefühl des mühelosen Laufens. Auf dem Hang, den wir zur Kreuzbergkapelle hinauf müssen, bläst der Wind uns fast hinauf, wie ein Mitläufer feststellt. Er stellt sich als Felix vor und wir laufen die nächsten Kilometer mehr oder weniger gemeinsam. Er kommt aus der Gegend und scheint gut in Form zu sein. Im Sommer ist er einen Wettkampf über 90 km mit 5000 Höhenmetern gelaufen.

Unsere Wege trennen sich unfreiwillig. Die Strecke führt nach gut zehn Kilometern einen kleinen, extrem steilen Hang hinab. Felix stürmt mit Elan hinunter und ruft noch, dass man dafür schon ein bisschen Vertrauen haben muss. Antworten kann ich nicht mehr, dann beim letzten Schritt bin ich mit dem linken Standbein weggerutscht und habe mich mit dem rechten Knie aufgefangen. Felix bemerkt davon nichts und läuft sein Tempo weiter, während ich ihm leicht humpelnd folge und mein Missgeschick vertusche. Verdammt, das tut anfangs ganz schön weh, beeinträchtigt mich aber nur auf den ersten zweihundert Metern. Nur kurz werfe ich einen Blick aufs Knie und kann in der Dämmerung nicht genau erkennen, was los ist. Entweder hängt da Laub an meiner Hose oder sie ist durch und mein Knie blutet ordentlich.

Was soll’s? Solange es mich nicht beim Laufen einschränkt, ist es keine Ausrede. Weiter geht’s über die K212 unter der A7 hindurch und über einen kleinen Hügel nach Astenbeck. Felix ist vielleicht hundert Meter vor mir, aber ich versuche die Lücke nicht ernstlich zuzulaufen. Manchmal tut mir Small Talk gut, manchmal stresst er mich. Für den Augenblick ist es auch ok, dass ich mit mir alleine bin. Ich nutze den Anstieg für einen kurzen Zwischenstopp im Gebüsch und binde meine Schuhe. Dabei mache ich auch eine Bestandsaufnahme des Problemknies. Ergebnis: Hose und Knie sind im Eimer.

Im Wald wird nicht gestreut

Auf Astenbeck folgt Derneburg, was ich als kleines Highlight abgespeichert habe. Das liegt nicht unbedingt am VP, sondern am Schloss und den umliegenden Liegenschaften. Die Häuser an den ehemaligen Fischteichen haben einen englischen Einschlag, die Teiche selbst strahlen im aufdämmernden Tag eine gewisse Ruhe aus. Es ist ein friedlicher Ort.

Am Schloss Derneburg

Am VP 1 sehe ich Felix letztmals. Weil es zwei Läufer gleichen Vornamens in der Ergebnisliste gibt, ist er entweder mit einer sehr ordentlichen Zeit angekommen oder ausgestiegen. Das alles weiß ich jetzt aber noch gar nicht ((Update 06.01.2026: Felix ist heile und mit starker Zeit angekommen!). Es sind erst 15 km rum und in Anbetracht der Gesamtdistanz, ist das noch gar nichts. Dafür geht es mir erstaunlich schlecht. Bis hier hätte der Lauf eigentlich mühelos sein sollen, doch spüre ich schon eine gewisse Müdigkeit. Ich versuche Ruhe zu bewahren und trinke ausreichend.

Blutige Knie beim 10. SuMeMa
Sieht schlimmer aus als es ist

Mit Blick auf mein Knie meckere ich scherzhaft mit Matthias, dass sie im Wald nicht gestreut hätten. „Immerhin hast du heute keine Straßenschuhe an.“, kontert er. Joa, habe aus meinen Fehlern gelernt. Das ernst gemeinte Angebot, mein Knie zu verarzten, schlage ich aus. Das sieht schlimmer aus als es ist, bin ich mir sicher.

Stimmen des Zweifels

Laves Kulturpfad führt uns vorbei an Teetempel und dem pyramidenförmigen Mausoleum, das hier im Hildesheimer Umland vollkommen deplatziert wirkt. Adelige Dekadenz. Die Wege sind seifig und vor allem die Treppen gefährlich. Unfallfrei lasse ich den Park hinter mir und kämpfe mich durchs Unterholz, dann wird es wieder laufbar. Wäre da nicht die entnervend lange Steigung. Sie ist moderat, bei ungefähr 5 %, aber man spürt die zusätzliche Belastung. Das ist Gift für meine Probleme mit den Hamstrings.

Laves Kulturpfad
Pyramide von Gizeh in Derneburg

Fast am Waldrand angekommen, steht plötzlich ein Hund alleine auf dem Feld. Wäre ich nicht Teil einer Dreiergruppe, wäre dies ein Panikmoment. Locker 200 m entfernt scheint sich der Besitzer des Tieres zu befinden. Wie kann man eigentlich so gedankenlos sein? Naja, immerhin scheint der Hund es nicht auf Läufer abgesehen zu haben und verharrt mehr oder weniger reglos auf seinem Beobachtungsposten.

Die Dreiergruppe, in der ich mich befinde, ist eigentlich eher ein Duo, an dessen Fersen ich klebe. Die Beiden, das merke ich jetzt schon, sind etwas zu schnell für mich und auf dem Single Trail in Richtung Turmberg entsteht eine immer größere Lücke. Das mag insofern nicht verwundern, weil die Frau aus dem Duo später ihre Geschlechterwertung gewinnen wird. Natürlich weiß ich auch das zu diesem Zeitpunkt noch nicht, aber der Umstand, den anderen Läufern nicht folgen zu können, lässt meine mentalen Probleme wachsen.

Die Zweifel, die schon rund um den ersten VP entstanden, nehmen minütlich zu. Ich habe nicht den besten Tag, soviel steht fest. Meine Gedanken wandern in die ganz falsche Richtung. Ich denke ans Aussteigen, daran wie ich zum Start zurückkommen kann. Es sind noch keine ganz konkreten Gedanken, aber die Tatsache, dass sie überhaupt schon so früh im Rennen da sind, ist kein gutes Zeichen. Mental durchlebe ich eine harte Zeit. Der vor mir liegende Berg an Kilometern droht mich zu erdrücken und ich finde keinen Weg ihn kleiner zu machen.

Übern Berg

Dem metaphorischen Berg folgt ein echter. Den Anstieg auf den Sauberg gehe ich komplett. Das ist vernünftig, nur bin ich hier vorletztes Jahr eben hochgelaufen. Tief in mir weiß ich, dass ich so Körner spare, aber die Bedenken wachsen. Was hilft es da, dass Lauflegende Jörg später bei Bier und Pommes bestätigt, hier jedes Jahr konsequent hochzugehen?

Es scheint sinnlos weiterzumachen, aber bis VP 2 gibt es sowieso keine Alternative, außer sich bockig in den Schnee zu setzen und auf ein Wunder zu hoffen. Nach einer Weile geht es wieder bergab und ich finde zurück zum Laufen. Das wirkt Wunder. Mit jedem Schritt wird mein Gemüt leichter. Ich bin kein Idiot und weiß, dass es irgendwann wieder aufwärts geht, aber für den Moment tut’s gut.

Jubel hallt durch den Wald. Sind da etwa Menschen an der Strecke, die dem Läufer zujubeln, der mich vor nicht allzu langer Zeit überholt hat? Oder ist der VP näher als ich denke? Nee, alles so wie immer. Und jubelnde Menschen warten keine auf mich. Nur ein paar Spaziergängerinnen mit Hund, die verstohlen auf mein Knie blicken. Ja, sieht nicht gut aus, das muss ich zugeben.

Mit entsprechender Vorsicht nehme ich die schmale Treppe in den Ort, die in diesem Jahr eine heikle Sache ist. Den zwei Bauchlandungen muss ich nicht noch ein dritte hinzufügen. Unfallfrei komme ich unten an und schaffe auch das Flachstück nebst kleiner Steigung bis zu VP 2 laufend. Ein Hoch aufs Hoch.

…weil die Klapse uns nicht wollte

Meine Laune ist noch immer gut, geradezu heiter. Kein Vergleich zu meiner Stimmungslage vor drei Jahren, als ich reichlich ernüchtert feststellen musste, dass ich den SuMeMa vollkommen unterschätzt hatte. Dieses Mal habe ich den Vorteil des Wiederholungstäters auf meiner Seite. Ich weiß, was auf mich zukommt und das ein vernünftiges Finish auch dann machbar ist, wenn man viele Passagen einfach geht. Nicht ständig laufen zu müssen, nimmt mir den Druck.

Nur Verrückte beim 10. SuMeMa
Nur Verrückte beim 10. SuMeMa

VP 2 in Michaels Garage gehört traditionell zu den am besten ausgestatteten. Bei der Vielfalt des Angebots muss ich mich erst einmal orientieren, entscheide mich dann für zwei Becher Nudelsuppe und reichlich Getränke. „Wir sind alle nur hier, weil uns die Klapse nicht wollte.“, spricht ein Schild neben dem Büffet mir aus der Seele. Jedes Mal aufs Neue, frage ich mich, ob ich eigentlich ganz dicht bin, dass ich mir so etwas antue. Für Ultramarathons muss man schon einen an der Fuchtel haben. Für den SuMeMa gilt das noch viel mehr.

Wieder werde ich nach meinem Knie gefragt und mir wird von den Helferinnen ärztliche Hilfe offeriert. Ich lehne ab, halb so wild. Wenn sie ansonsten noch Hilfe anbieten könne, nur zu. „Du könntest ein Stück für mich laufen.“, witzelt einer der anderen Läufer. Gehen wäre ok, aber laufen könne sie nicht. „Das ist kein Problem,“, hake ich ein „wir gehen auch viel spazieren.“ Das nennt sich zwar Ultralauf, aber am Ende ist es einfach ultralanger Spaziergang mit kürzer werdenden Laufphasen. Aber nicht weitersagen, sonst wird uns noch der Heldenstatus entzogen.

Kurz verirrt und verkalkuliert

Gehen ist das Stichwort. Der letzte andere Läufer in der gemütlich warmen Garage macht sich auf den Weg und ich fühle mich ein wenig unter Druck gesetzt. Ich habe das Gefühl, dass auch er demnächst ein bisschen mehr geht als er läuft und würde mich gerne einklinken. Die restlichen Nudeln kleben eh in der Tasse fest. Da kann ich mich auch gleich auf den Weg machen. Aber wo geht’s eigentlich lang?

Meine Uhr hat in der Garage die Peilung verloren und ich tue es ihr gleich. Man sollte meinen, dass ich bei der dritten Teilnahme wissen müsste, wo es langgeht, gehe unsicher erst in die falsche Richtung, ehe ich wieder auf Kurs bin. Bis nach Maiental laufe ich einigermaßen beschwingt, wenn man das noch so nennen kann. In den spiegelnden Scheiben eines Autohauses kann ich meine eigene Haltung „bewundern“. Mein Schritt ist schon reichlich kurz, muss ich mir eingestehen.

Nach rund eineinhalb Kilometern ist es mit dem Zwischenhoch vorbei. Meine Beine brennen und sind dicht. Der Kollege vor mir tut mir nicht den Gefallen, ins Gehen zu wechseln und zieht gleichmäßig ganz, ganz langsam von dannen. Da habe ich mich verkalkuliert. Damit bin ich auf dem Weg zum Fernmeldeturm allein mit mir.

Mein Schatz!

Weil die Passage eh kaum laufbar ist, versuche ich es gar nicht erst. Wozu unnötig Kräfte vergeuden? Der Boden ist weich und vom Schnee glitschig. Dazu kommt die Steigung, die schon bei optimalen Bedingungen hart ist. So ziehen sich die Kilometer. Am „Gipfelkreuz“ des Griesbergs ist der höchste Punkt des Laufs erreicht. Immerhin. Jetzt ist es nur noch ein kleiner Abstecher zum Fernmeldeturm, den der Läufer vor mir ganz offensichtlich – weil auf dem Rückweg – schon hinter sich hat.

Nach ungefähr 4:20 Std. nehme ich mir aus dem Beutel am Zaun vor dem Turm eine der Holzscheiben und verwahre sie sicher in einer Tasche. Mein Schatz! Sie ist der Nachweis, dass man das kleine Stück bis hierher wirklich gelaufen ist und nicht schon vorher in Richtung VP 3 abgekürzt hat, um sich einen Kilometer zu sparen. Wir sind ja schließlich hier, um jeden einzelnen Kilometer zu genießen. Oder nicht? Kurzum: Sie ist der Beweis, nicht beschissen zu haben.

Über einen steilen Hang – sicherlich kein offizieller Wanderweg – komme ich auf einen Forstweg und so langsam wieder ins Laufen. Es ist nicht mehr weit bis VP 3. Mir fällt mein Mantra ein, das ich bei meiner letzten Teilnahme immer wieder vorgesagt habe. Wenn ich an VP 3 ankomme, kann ich mir auch ein Finish vorstellen. In der Tat hat sich etwas Grundlegendes geändert, meine Gedanken sind viel positiver. Ohne allzu viel nachrechnen zu müssen, ist mir klar, dass ich keine fabelhafte Zeit hinlegen werde. Aber ist das wirklich so wichtig? Heute stört es mich ausnahmsweise nicht. Es ist der erste Ultramarathon seit einer Ewigkeit und mit so einem Untergrund hatte ich beim SuMeMa noch nicht zu kämpfen.

…aber ich will sie nicht aufhalten

Wie entspannt ich bin, zeigt eine Zufallsbegegnung im Wald. Gerade als ich bergab in Richtung VP 3 wieder mit dem Laufen beginne und einen langsamen Rhythmus finde, fragen mich zwei Spaziergänger nach dem Weg. Ich kann zwar nicht weiterhelfen, werde aber in ein Gespräch darüber verstrickt, was das für ein Lauf ist und wie weit er geht. Noch 28 km sind es, sage ich, so vierzig hätte ich schon. Noch 28! Das auszusprechen hat mir in der Vergangenheit schon häufig einen Tiefschlag versetzt. Heute nicht.

Einer der Männer ist fachkundig, kennt den SuMeMa und erzählt mir von Lydia, die hier letztes Jahr ganz hervorragend abgeschnitten hätte. Ein Marathon sei ja schon die Hölle, er könne nur den Hut ziehen vor uns. Heldenstatus wiederhergestellt. Ach, wir gehen doch auch ganz viel dabei, wiegele ich ab. Aber die Anerkennung schmeichelt. Er wolle mich nicht weiter aufhalten, verabschiedet er mich. An anderen Tagen hätte mich das gestresst, heute sehe ich das ganz entspannt. Die Minute kann ich verschmerzen.

Den letzten Kilometer hinab zum VP erledige ich in unter 5:30 min und ich wundere mich, über das Leben im Gammelfleisch meiner Beine. Scheint ja doch noch besser zu gehen als gedacht. Ein bisschen enttäuscht bin ich, dass ich noch keine Musik höre. VP 3 gilt als Partyhochburg, wirkt jetzt aber wie leergefegt. Ey, ich bin hier gerade wie Kilian Jornet den Hang hinabgeschossen und dann ist tote Hose? Kann ja wohl nicht angehen!

Kenianer im Herzen

Geht doch! Auf der Rückseite des Gebäudes werde ich mit Megafon und Musik empfangen. Ich bin der einzige Gast und habe die ungeteilte Aufmerksamkeit. Natürlich muss ich kurz erklären, was da mit meinem Knie passiert ist und ich ziehe den Joker: „Keiner hat im Wald anständig gestreut!“. Weil an jedem VP andere Personen sind, kann ich den Witz immer und immer wieder bringen, ohne mit Tomaten beworfen zu werden. Mir wird Bier angeboten. Klingt verlockend, aber ich bleibe bei ISO und Cola.

Kapelle am Haus Gertrudenberg
Kapelle am Haus Gertrudenberg – vielleicht hilft ja Gottes Beistand

Sieht man mir die Enttäuschung darüber an, dass es keine Suppe gibt? Ohne, dass ich etwas gesagt hätte, meint einer der Helfer fast entschuldigend, dass der nächste VP viel besser ausgestattet sei. Mit Grießklößchensuppe und allem Pipapo. Ich schwärme von der Wunderbrühe, der ich schon bei der ersten Teilnahme heilende Wirkung zuschrieb. Sie sei gewesen wie bei Obelix der Zaubertrank, erzähle ich begeistert, greife mir ein Twix als Wegzehrung und mache mich vom Acker. Die Frage, ob ich noch könne, beantworte ich wahrheitsgemäß. Nein, aber das gilt eigentlich schon seit Stunden.

Macht aber nichts, notfalls gehe ich bis zum Ziel. Erst einmal will ich aber wieder ein Stück laufen. Ich fühle mich durch den schnellen letzten Kilometer in meinem Gefühl bestätigt, dass es mir besser geht als in den Vorjahren. Und weil aller Guten Dinge drei sind, finde ich in diesem Jahr auch den richtigen Weg um den Krankenhauskomplex. Wunder über Wunder. Trotz des Boxenstopps an VP 3 brauche ich für den Kilometer (knapp) unter zehn Minuten. Im Herzen bin ich wohl Kenianer.

Poesie am Pissweg

Dann wartet eine besondere Schweinerei. Immer häufiger bemerke ich, dass es wirklich nicht von Nachteil sein muss, wenn man weiß, was noch kommt. Vor mir liegt ein zweihundert Meter langer Hang mit 70 Höhenmetern. Aus einem der vorbereitenden Social-Media-Posts erinnere ich mich an den Hinweis, man solle sich an einer Gruppe Birken am oberen Ende orientieren. Witzig, heute sind alle Bäume weiß. Aber die fleißigen Läufer vor mir haben eine Spur im Schnee hinterlassen, der ich alternativ folge. Das klappt wesentlich besser als in den Vorjahren und ehe ich mich richtig aufregen kann, dass Michael und Matthias so eine bescheuerte Querfeldeinroute ausbaldowert haben, bin ich schon oben.

Pissweg am Steinberg
Pissweg am Steinberg

Kilometer 45 bewältige ich – mit Gefälle – in einer beachtlichen Sechserpace, ehe es auf den Pissweg geht, der sich um den Flugplatz von Wesseln schlängelt. Der herrlich derbe Name bringt mich in poetische Stimmung. Einmal im Jahr, wenn die Musik in unregelmäßigen Abständen vom Haus Gertrudenberg über das verschlafene Wesseln schallt, ist SuMeMa, denke ich. Wäre doch ein guter Anfang für einen Artikel in der Lokalzeitung.

Blick über den verschneiten Südkreis
Blick über den verschneiten Südkreis

Die Steigung degradiert mich vorerst wieder zum Geher. Links von mir kommen drei Kinder mit Schlitten den Hang herab und finden umgehend meinen Triggerpunkt. Ich freue mich über den Anblick, bis eines der Kinder feststellt: „Guck mal, ein Wanderer!“ Geht’s noch? Ich bin Ultraläufer, du Batzen! Zu faul, den Schlitten selbst wieder nach oben ziehen, hat es trotzdem recht und es ist mir keineswegs peinlich. Ausgeruht wäre der Pissweg ein tolles Laufterrain, schön wellig, ein paar Treppen. Halb zerstört wie ich bin, lasse ich mich nicht auf Experimente ein.

Oh what fun it is to run..SuMeMa!

Noch immer sind es mehr als 20 km bis zum Ziel. Andererseits: Es geht immer noch besser als befürchtet. Kilometer 47 ist wenigstens teilweise laufbar, aber wegen der immer länger werdenden Anstiege rund um Steinberg und Tosmar ziehen sich die Kilometer. Die langen Gehpausen versuche ich wenigstens dafür zu nutzen, Wasser zu trinken und immer wieder kleine Portionen zu essen. Das gelingt mir besser als sonst, aber noch auch nicht richtig gut. Wenigstens zickt mein Magen nicht herum. Ist doch auch schon Erfolg.

Weil der letzte fiese Abzweig ins Gebüsch hinauf zum Steinberg schon überfällig zu sein scheint, gebe ich mich der Hoffnung hin, dass hier die Streckenführung geändert wurde. Vergebens. Nach 6:20 Std. klettere ich mich an junge Eichen klammernd einen gefühlt senkrechten Hang hinauf. Oh what fun it is to run..SuMeMa!

Als ich auf dem Gipfel des Steinbergs ankomme, habe ich die größte Scheiße hinter mir. Zumindest vom Streckenverlauf. Und abgesehen von der Pferdewiese. Der Himmel ist zum ersten Mal heute blau und das überdimensionierte Gipfelkreuz schreit nach einem Foto, wäre da nicht das Rentnerpärchen. Die verwickeln mich sonst noch in ein Gespräch über den Sinn und Unsinn solcher Unterfangen. Solange meine mentale Balance stimmt, erspare ich mir das lieber.

Ganz hinten links

Blauer Himmel am Steinberg
Blauer Himmel am Steinberg

Die nächsten zwei Kilometer zehre ich von den Höhenmetern, die ich in der letzten Stunde mühsam gesammelt habe, und nähere mich in Riesenschritten dem Röderhof. Die Einrichtung ist Empfänger der Spenden, die hier heute zusammenkommen. Im Moment aber viel wichtiger: Sie beherbergt VP 4. Weil es bergab verhältnismäßig gut läuft, hoffe ich, dass noch ein bisschen Strecke von der Uhr geht, bis ich dort ankomme. Je weniger verbleibt, desto besser.

54,5 km habe ich hinter mir, als ich das Gelände betrete. Weitere fünfhundert Meter kommen auf der Ehrenrunde über Gelände zusammen. Nur steht leider niemand Spalier. Genau genommen nimmt niemand auch nur Notiz von mir. Ich folge den Schildern auf dem Gelände, bis ich es beinahe wieder verlassen habe. Panik wallt in mir auf. Bin ich etwa am VP vorbeigelaufen? Nein, er ist nur neuerdings im letzten Gebäude auf dem Gelände untergebracht. Ganz hinten links quasi. Glück gehabt. Die Schrecksekunde hat mir gezeigt, dass meine mentale Konstitution zerbrechlich ist.

Zwei Stunden in die Fresse

Grießklößchensuppe gibt es zwar nicht, aber Nudelsuppe tut es auch. Auf feste Nahrung verzichte ich gänzlich, spricht mich einfach nicht an, auch wenn von Seiten der Helfer alle Register gezogen werden. Ich quatsche ein bisschen und schlage erneut ärztliche Wundversorgung aus. Die Wunde ist gut vereist, versichere ich. Inzwischen ist ein weiterer Läufer eingetrudelt. Lutz ist scheinbar ein bekanntes Gesicht.

Als ich meine seit Stunden angewandte Taktik erläutere, einfach nur unter den nächsten Zehner zu kommen, meint einer der Helfer, dass man es eh schon hinter fast hinter sich hat, wenn die Uhr nur noch einstellig anzeigt. Aber zwei Stunden sind es wohl noch! Boom! Das sollte eigentlich einschlagen wie eine Bombe. Auf zwei weitere Stunden habe ich so gar keinen Bock mehr. Kommt hin, bestätige ich. Aber ganz spurlos geht die Aussage nicht an mir vorbei.

Ich verabschiede mich von Lutz mit den Worten schon einmal vorzugehen und gebe einer gerade ankommenden Läuferin die Klinke in die Hand. Schnell noch sende ich eine Nachricht an meine Frau, dann begebe ich mich auf die letzten Vierzehn. Von zwei geschenkten Kilometern hatte ich gerade noch großspurig gesprochen, weil es vom Röderhof mit viel Gefälle hinab nach Egenstedt und weiter zur Innerste geht. Aber auch die wollen erst noch gelaufen werden.

Dumm aber schlau

Die zwei Kilometer gehen tatsächlich sehr gut. Die folgenden drei Kilometer bis zur Pferdewiese teile ich mir dann auf in Passagen, die ich im Wechsel gehe und laufe. Da klappt so gut, dass ich Lutz und die Frau erst auf der besagten Wiese wiedersehe. „Von wegen, du gehst nur vor.“, wirft Lutz mir scherzhaft vor. „Bist ganz schön weit gekommen!“ Will ich wohl meinen. Das ging wesentlich besser als befürchtet. So darf es weitergehen. Die Frau (Leonie) bedeutet mir, an ihnen dranzubleiben. Weil ich gerade eine Gehpause mache, lasse ich sie ziehen.

Durch den Schnee hat die ominöse Koppel ihren Schrecken verloren. Sie ist gut zu begehen, ohne dass man im Morast versinkt. Am hinteren Ende aber, komme ich ins Straucheln. Zumindest im übertragenen Sinne. Lutz und Leonie sind nicht zu sehen und ich bin unsicher, ob ich rechts den kleinen Hang hochgehen muss oder links am Fluss entlang. Auf der Uhr sieht es nach Option zwei aus, führt aber nur dazu, dass ich ein paar Meter quer durchs Dornengestrüpp hinaufklettern muss. Kurz vor dem oberen Ende klatscht mir ein dornenbewährter Zweig ins Gesicht.

Das hätte ich auch einfacher haben können, wäre ich gleich rechts gegangen. Prüfend taste ich meine Stirn ab, kann aber auf den Handschuhen kein Blut erkennen. Lutz steht bereits auf der Wiese, auf die mich das Gestrüpp gerade entlassen hat, Leonie bahnt sich noch ihren Weg durch die Hagebutten. Weil ich vor ihr oben angekommen bin, lobt sie mich fälschlicherweise für meine smarte Entscheidung, die Hecke umgangen zu haben. Dumm sein aber schlau aussehen kann ich.

Jeder Bodenwelle ein Everest

Jetzt liegt nur noch ein Hindernis vor uns – der Spitzhut. Von hier unten sind es bis zum Ausflugslokal auf der Kuppe des „Berges“ etwa 100 Höhenmeter, dann noch einmal 50. Bis wir fast oben sind, bleibe ich mit etwas Abstand doch zumindest in Sichtweite von Leonie und kann sehen, wie sie kurz vor dem Lokal von einem Mann begleitet wird. Die Glückliche hat einen Unterstützer auf den letzten, schweren Metern, denke ich. Doch plötzlich kommt eben jener Mann auch mir entgegen und spendet Applaus. Es muss jemand sein, der mit dem Lauf verbunden ist. Aufmunternd gibt er mir vor allem eine Botschaft mit: Du hast es jetzt geschafft, ab jetzt geht’s nur noch etwas wellig bis zum Sportplatz.

Ich balle die Faust. Da muss mich meine Erinnerung wohl getrogen haben. Kein weiterer Anstieg mehr? Halbwegs euphorisch beginne ich wieder zu laufen, werde aber bald schon langsamer. Von wegen wellig. Jede Welle ist inzwischen ein kleiner Everest. Meine Erinnerung hat nicht getrogen. Wieder lege ich Pausen ein, wenn es mir zu arg wird. In einer dieser Pausen überholen mich zwei Läufer, die mich kritisch beäugen. „Alles in Ordnung?“ Ich bestätige verwirrt. Warum gucken die mich so an? Ich für meinen Teil beäuge die beiden auch kritisch. Gehören die zum Lauf? Einer von denen war kaum dreckig. Ich bin mir sicher, dass er seinen Buddy nur auf den letzten Kilometern begleitet.

Nach fast 66 km bin ich endlich über die letzte Kuppe und kann rollen lassen, soweit es das Gelände zulässt. Meine Muskelreflexe haben in den letzten achteinhalb Stunden gelitten und ich mache mich fast noch einmal lang. Dann endlich höre ich die Autobahn rauschen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die Raststätte Hildesheimer Börde direkt voraus ist. Es ist sicherlich die eigenwilligste Streckenführung, die ich je erlebt habe, aber wo, wenn nicht beim SuMeMa würde das passen? Durch ein Gittertor komme ich direkt an der Abfahrt der Autobahn auf die Straße und ordne mich artig auf der linken Seite ein.

Ein Lauf, der Spuren hinterlassen hat

Noch einmal unterquere ich die A7, dann geht es auf den letzten Kilometer. Ich lüge mir vor, dass ich bis zum letzten abwärts führenden Stück zum Vereinsheim nicht alles laufen werde. Es ist ein probates Mittel, meinen notorisch heulenden Beine ein letztes Mal das Maul zu stopfen. Tatsächlich laufe ich den letzten Kilometer komplett durch und habe sogar noch Zeit mich für das Zielfoto in Szene zu setzen.

Nach 8:42 Std. ist es vorbei! Oder nicht? Ich bin unsicher, wo ich eigentlich stoppen soll. Wo vorhin noch das Start/Ziel-Banner hing, ist nichts mehr. Ist der Abbau schon im Gange, frage ich augenzwinkernd in die Runde. Auch wenn in dem Spruch etwas Selbstkritik mitschwingt, weil ich „so lange gebraucht habe“. So ganz kann ich den Wettkämpfer in mir nie zum Schweigen bringen. Heute ist er aber erstaunlich ruhig und ich bin glücklich, endlich wieder Ultraläufer zu sein. Bei aller Anstrengung war das der entspannteste meiner drei Läufe beim SuMeMa, vielleicht sogar der entspannteste überhaupt.

Wiederholt werde ich gefragt, ob ich gestürzt bin. Komischerweise schauen mir die Leute dabei ins Gesicht, nicht aufs Knie. Irgendwann geht mir auf, dass mein Gesicht auf der Pferdewiese doch was abbekommen hat. Der Selfiemodus des iPhones offenbart einen veritablen Kratzer zwischen meinen Augen. Heute habe ich mir richtig eingeschenkt. Von den schon vertrauten Schmerzen im Schambein und Hamstrings abgesehen, hat der Lauf bei mir auf jeden Fall Spuren hinterlassen. Jetzt ist mir klar, warum mich die Jungs vorhin so seltsam angesehen haben.

Der Lauf im Überblick

Distanz69 km (42,195 Meilen)
Zeit8:42:35 Std. / 7:34 min/km
Platzierung19. von 75 Teilnehmern
AK-Platzierung4. von 9 (M45)
StreckeEine nahezu 70 km lange Runde durch das Hildesheimer Land mit vielen, vielen Anstiegen, fiesen Trails, Matsch und Dornen.
Manchmal findet man Wegweiser, verlassen würde ich mich darauf nicht. Der Track auf der Uhr ist dringend zu empfehlen.
An einigen kritischen Punkten gibt es Wegweiser oder Bänder. Als "Beweis", die gesamte Strecke gelaufen zu sein, ist zwischendurch eine Marke aufzusammeln.
BesonderheitenFür den Lauf ist kein Startgeld zu entrichten, sondern eine Spende für die Wohneinrichtung Röderhof.
Der Beutel, den man als Lohn der Mühen erhält, ist so gut gefüllt wie bei keinem andern Lauf, an dem ich je teilgenommen habe.
Die Atmosphäre und der Geist des Laufs sind einzigartig. Eine klare und unbedingte Empfehlung

Der Lauf im Vergleich

VeranstaltungDatumZielzeitPaceDifferenz zur Bestzeit
8. SuMeMa06.01.202407:57:457:02/km
7. SuMeMa07.01.202308:01:417:06/km00:03:56
10. SuMeMa03.01.202608:42:3507:34/km00:44:50

4 Comments on “10. SuMeMa – Gewohnt hart, unerwartet leicht. 69 Kilometer auf dem Weg zurück zum Ultralaufen

  1. Danke für den gemeinsamen Kilometer und den Bericht.

    Ich bin gut ins Ziel gekommen, auch wenn das Ende hart war.

    Deinen Sturz habe ich leider nicht mitbekommen 😐

    1. Hey Felix! Das freut mich zu hören! Dann hattest du ja noch etwas Zeit für die Badewanne, wenn du früh im Ziel warst 😉
      Ich war mir sicher, dass du von der Bauchlandung nichts gemerkt hast.
      Viele Grüße

  2. Toller Bericht. Hab ihn eben meiner Frau vorgelesen. Hatte es nicht besser umschreiben können. Heldenstatus ihr gegenüber weiter ausgebaut🙌.

    Sehen uns nächstes Jahr beim SuMeMa.

    1. Hey Mark! Toll, dass deine Frau den laaangen Text über sich ergehen lassen hat. Lese die Berighte meinen Kindern manchmal beim Einschlafen vor. Das wirkt Wunder! 🤣
      Danke für dein tolles Feedback.

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